


Mein Name ist Ivo Hammer-Tugendhat. Ich spreche auch im Namen meiner am 17. September 2025 verstorbenen Frau, Daniela Hammer-Tugendhat.
Daniela war die jüngste Tochter der Bauherren des Hauses Tugendhat, Grete und Fritz Tugendhat. Beide Eltern stammten aus jüdischen Familien, die mit Manufakturen und Fabriken vor allem im Bereich Textil sehr erfolgreich waren. Sie waren Tschechoslowakische Staatsbürger und gehörten zu den ca. 55 000 Bürgern von Brno, rund ein Viertel der damaligen Einwohner, die überwiegend Deutsch sprachen


Die Eltern Grete Tugendhats, Marianne und Alfred Löw-Beer bewohnten seit 1913 ein Jugendstil-Haus von 1904 in Brno am Augarten (Lušanky),
Aus Anlass der Heirat mit Fritz Tugendhat am 30. Juni 1928 in Berlin übergaben Marianne und Alfred an ihre Tochter Grete den Baugrund, der zum Jugendstilhaus gehörte, und ihren Anteil an der Firma Moses Löw-Beer, der im März 1929 als Schenkung deklariert wurde. Mit diesem Anteil wurden die Baukosten für das Haus Tugendhat finanziert. Es war keine Schenkung, sondern ein Vorgriff auf das Erbe, so wurde Ungerechtigkeit gegenüber Gretes vier Geschwistern vermieden.


Im Sommer 1928 hatten Grete und Fritz Tugendhat in Berlin ein erstes Gespräch mit Ludwig Mies van der Rohe über das Bauprojekt in Brünn. Grete Tugendhat sagte dazu in ihrer in Tschechischer Sprache gehaltenen Rede 1969 in Brünn. dass sie sich „immer ein modernes, weiträumiges Haus mit klaren, einfachen Formen gewünscht“ habe, und dass ihr Mann Fritz „geradezu einen Horror vor den mit unzähligen Nippsachen und Deckchen vollgestopften Zimmern seiner Kindheit“ habe.“
Mies van der Rohe sagte zu ihnen, wie Grete Tugendhat berichtete, „dass man ein Haus nie von der Fassade aus, sondern von innen her bauen müsse, dass Fenster in einem modernen Bau nicht mehr Löcher in einer Wand sein sollten, sondern zwischen Boden und Decke ausgespannte Fläche und als solche ein Bauelement!“
Grete Tugendhat berichtete1969, dass sie beide bei diesem Gespräch von der Persönlichkeit von Mies van der Rohe so beeindruckt waren, dass sie augenblicklich beschlossen, „dass er unser Haus bauen sollte“
Brünn war seit ca. 1925 ein europäisches Zentrum der Architektur des Neuen Bauens, viele ausgezeichnete Architekten waren hier tätig. Nach einer Besichtigung aktueller Bauten in Brünn, zum Beispiel von Ernst Wiesner, blieben die beiden aber bei ihrer Entscheidung für den deutschen Architekten.
Im September 1928 besichtigte Ludwig Mies van der Rohe – wohl mit seiner Partnerin Lilly Reich und seinem Mitarbeiter Herman John – das Baugrundstück in Brünn. Man kann davon ausgehen, dass die Berliner Architekten auch die damals laufende Jubiläumsausstellung des 10. Jahrestags der Gründung der Tschechoslowakei im Brünner Messebereich angeschaut haben und sich Anregungen für das Haus Tugendhat geholt haben.
An Sylvester 1928 verabredeten Grete und Fritz Tugendhat einen Besuch in Berlin, im Atelier von Ludwig Mies van der Rohe. Der Plan gefiel ihnen sehr, vor allem der Grundriss des riesigen Wohnraums „mit einer runden und einer rechteckigen freistehenden Wand“. Grete sagte 1969: „Wir sahen sogleich, dass dieser Raum etwas Unerhörtes, nie gesehenes war“. Ein Privathaus als Eisengerüstbau, die Wände haben keine tragende Funktion, sondern erlauben eine freie Teilung und Zusammenfassung der Wohnsphären. Die Stahlpfeiler stehen in Brunnenfundamenten, weil das Terrain durch die Hanglage zum Rutschen neigt.
Ändern musste Mies lediglich den Grundriss der Schlafzimmer: Die Stahlstützen wurden unsichtbar in den Wänden integriert, die Kinderzimmer mit einem Zwischengang und einer Schiebetüre zugänglich und die Fenster der Gartenfassade mit einem Sonnenschutz versehen, für den oberen Stock mit Rolläden, für Hauptraum mit einer grau-weißen Markise.
Anfang Dezember 1930 konnte die Familie in das Haus einziehen.


An die obere Terrasse mit ihrem herrlichen Blick auf das Stadtpanorama von Brünn und den Garten grenzen die Schlafzimmer der Eltern und der Kinder Hanna, Ernst und Herbert, jeweils mit direkten Zugängen zur Terrasse. Die Terrasse diente als Spielplatz für die Kinder. Pflanzenbewuchs aus Knöterich (polygonum) an der Südostfassade des Schlafzimmers von Grete Tugendhat so wie an der Pergola über der Sandkiste der Kinder und an der halbrunden Bank spendete Schatten.
Die Fassade ist wie die Innenräume nicht buntfarbig, sondern materialfarbig präsentiert: Die mit gerundeten Messingblechen verkleideten Stahlpfeiler sind künstlich dunkel patiniert, die Türen und Fenster mit den Rouleau-Kästen und den Rouleaus aus Holz und die Einrichtung der Terrasse mit halbrunder Bank, Spieltisch, Pergola und Blumenkästen sind bläulich metallgrau (mit Ölfarbe) gestrichen, die Oberfläche war ursprünglich geschliffen und durch einen Öl-Klarlack metallisch glänzend, die Sohlbänke der Fenster waren aus Blei, das bläulich metallgrau oxydiert.
Die übrigen Fassadenteile erscheinen in der gelblich-weißen Steinfarbe, also die Schwellen, Sockelleisten und die Abdeckung der Terrassenbrüstung aus italienischem Travertin, der möglicherweise teilweise originale Terrassenboden aus quadratischen Terrazzoplatten und der geriebene Fassadenputz mit einer dünnen, mit feinem Sand gefärbten Kalktünche. Der feine Sand in der Tünche hat auch eine unverzichtbare technische Funktion. In einem größeren archäologischen Fenster an der Ostwand, welches ich während der Restaurierung 2011 gemeinsam mit der beauftragten Firma Kodiak hergestellt habe, sieht man die ursprüngliche, gelblich-weiße Fassadenoberfläche, die übrige Fassade ist in traditioneller Reparatur-Technik mit einer Kalktünche gestrichen.

Von der Straße aus betrachtet wirkt das Gebäude, wie zeitgenössische Reaktionen bestätigen, nicht wie ein großes Wohnhaus, sondern wie ein flacher Nutzbau. Aber den Durchblick zwischen dem Servicetrakt und der Familienwohnung auf den Spielberg ist buchstäblich spektakulär. Die Garage reicht – gegen die Bauordnung – bis an die Grundstücksgrenze (ein Beleg wohl auch für die Offenheit der Brünner Behörden für außergewöhnliche Lösungen). An die Garage schließt die Wohnung des Fahrers an, die im Nordwesten über eine Galerie zugänglich ist. Die Eingangsebene schließt stufenlos an den Gehsteig an, die niedrigere Ebene dient der technischen Einrichtung des Hauses (also Kohlenrutsche, Aschenaufzug und Klimaanlage).
Den Riss z. B. an der Garagenwand zwischen der Betondecke und der traditionell mit Ziegel ausgeriegelten Wand ist unvermeidlich, eigentlich ein Baumangel. Der Riss erscheint schon auf Rudolf de Sandalos Publikationsfotos und ist dort retuschiert. Er entsteht durch die unterschiedliche thermische Dilatation von Betondecke und Ausriegelung der Wände mit Ziegeln. Man kann den Riss als ästhetische Konsequenz der Verbindung von innovativer und traditioneller Bautechnologie bezeichnen.
Sehr ungewöhnlich ist der Eingang: man sieht ihn nicht. Die auf einem Travertin Sockel stehende, halbrunde Wand des Foyers aus riesigen Glasscheiben, gefasst mit bläulich grau mit Ölfarbe gestrichenen Rahmen und die patinierte Messingverkleidung des Stahlpfeilers, der allein die Last des Flachdachs trägt, erscheinen – zusammen mit dem Boden aus Terrazzoplatten und der gelblich weißen Fassadenfläche – wie die thematische Exposition des ästhetischen Konzepts des Hauses.


Die Glaswand ist einzigartig im Werk MvdRs. Sie war nur möglich aufgrund des damals höchsten technischen Standards der tschechoslowakischen Glasproduktion. Sie wurde bei der Restaurierung 2010-12 hervorragend rekonstruiert, der Stahlrahmen ist noch der ursprüngliche.
Am Ende der Rundung der Glaswand, wie in einem Schneckenhaus, erscheint die raumhohe Eingangstür, mit kostbarem Furnier aus Rio-Palisander. Das Furnier setzt sich in den Türzargen fort. Der Besucher blickt beim Eintreten auf eine vertäfelte Wand, die das Motiv der Haustür vierfach widerspiegelt. Eine der Wandtafeln ist eine Tür zu einem kleinen Durchgangsraum, der sowohl zur Terrasse als auch zu den angrenzenden Zimmern führt. Zu rechter Hand befindet sich die Tür (mit heute nicht mehr originalem Türblatt) zu den Schlafzimmern der Eltern. Etwas versteckt hinter der Haustür ist die (in Milchglas und grünlichem Glas 2012 rekonstruierte) Garderobe, gegenüberliegend ein Spiegel, und am Ende des Flurs eine (im Original erhaltene) Wand mit Täfelung und Tür, die zu einer Station des Speisenaufzugs und einer Toilette führt.
Den spiegelbildlich gegenüberliegenden Flur schließt eine raumhohe Wand mit Stahlrahmen und Mattglas ab, die Glastür führt zu den Zimmern der Kinder, zu Badezimmer der Kinder, einem Stauraum und dem Zimmer des Kindermädchens.
Bei der erwähnten ersten Besprechung im Sommer 1928 sagte Ludwig MvdR zu Grete und Fritz Tugendhat: „dass man ein Haus nie von der Fassade aus, sondern von innen her bauen müsse, dass Fenster in einem modernen Bau nicht mehr Löcher in einer Wand sein sollten, sondern zwischen Boden und Decke ausgespannte Fläche und als solche ein Bauelement!“
Alle Möbel im Haus, die für das Haus entworfen wurden, sind heute Kopien nach den Zeichnungen im Mies van der Rohe Archiv im MoMA in New York. Die Zeichnungen für die Möbel stammen, wie seit den Forschungen von Christiane Lange von 2006 bekannt ist, zu einem großen Teil von Lilly Reich, Partnerin und Lebensgefährtin von MvdR.
Die quadratischen Travertinplatten des Bodens sind schachbrettartig mit wechselnder Richtung der natürlichen Sedimentschichten verlegt.
Ursprünglich war das Glas der Wand mittels Sandstrahl mattiert, bei der Rekonstruktion wurde dieser Effekt durch Ätzen hergestellt. Heizungsrohre am Travertinsockel verhindern Kondensfeuchtigkeit auf dem Glas.
Die Wände und Decken des Hauses Tugendhat waren nicht bemalt, sondern wie eine mittelalterliche Tafelmalerei mit einem geschliffenen Grund beschichtet, den man als Stucco Lustro bezeichnen kann, der mit seiner Pigmentierung mit feinem Sand einen marmorartigen Effekt erzeugt. Ähnliche Wand-Oberflächen findet man bei hervorragenden Bauten von Otto Wagner, Peter Behrens und Ludwig Wittgenstein. Die heutigen Oberflächen wurden zum Schutz der originalen Oberfläche materialgleich rekonstruiert.
Dieses Foyer ist – wie schon der Eingang – nicht repräsentativ im Sinne eines der zeitüblichen großbürgerlichen Villen-Ikonographie, sondern hat eher einen intimen Charakter. Der Weg zu den Wohnräumen führt nicht hinauf, sondern hinab. Eine Wendeltreppe aus Travertin windet sich um den Stahlpfeiler, der mit direkt verchromtem Messingblech verkleidet ist.
Vielleicht dienten die Wendeltreppen der Gebäude von Emil Kralík oder von Bohuslav Fuchs auf dem Messgelände von Brünn als Anregung, – im Werk von Ludwig MvdR ist die Wendeltreppe einzigartig.
Das Messinggeländer ist – wie üblich – zunächst vernickelt, dann verchromt. Zum Schutz der Kleinkinder Ernst und Herbert ließen Grete und Fritz Tugendhat das Geländer mit Drahtglas sichern.




Dem Wunsch der Bauherren entsprechend sind die Eltern-Schlafzimmer und das Bad nicht ineinanderfließend, sondern in getrennte Räume aufgeteilt.
Wie alle nicht furnierten Holzteile waren der Schuhschrank und der Wäscheschrank im Vorraum mit einem präzise ausgeführten cremeweißen Öl-Schleiflack beschichtet (Der Schuhschrank ist in Privatbesitz und wurde nicht an die Eigentümer herausgegeben).
Bemerkenswert am Badezimmer ist die Belichtung und Belüftung durch ein Oberlicht und die (2010-12 rekonstruierte) raumhohe Verfliesung mit cremeweißen Fliesen. Die Einrichtung und Armaturen entsprechen dem in Katalogen erhältlichen damaligen gehobenen Stand.
Die Eltern hatten, dem damaligen großbürgerlichen Usus entsprechend, getrennte Schlafzimmer und dem damaligen Geschlechterbild folgende Einrichtungen.
Beide Schlafzimmer sind mit großen Fenstern und einer Tür zur Terrasse und mit einem cremeweißen Linoleum-Boden der Fa. DLW) ausgestattet. Die Vorhänge bestanden wohl aus schwerer Shantung-Seide. Zur Einrichtung gehörte ein Hängeschränkchen als Nachttisch und in situ erhaltene, raumhohe Einbauschränke aus Schichtholz, hergestellt von der Brünner Firma S. B. S. des Architekten Jan Vañek. Die Verbindungen der einzelnen Holzplatten mit Schrauben können als Vorläufer für Verbindungen der heutigen Selbstbaumöbel bezeichnet werden.
Alle Möbel der Elternzimmer waren außen mit Rio-Palisander, innen mit Ahorn furniert. Das Palisanderfurnier war, wie man an lichtgeschützten Teilen an den Originalmöbeln sehen kann, dunkel rotbraun gebeizt. Die originalen Oberflächen der Furniere sind heute abgeschliffen.
Die Möbel sind heute teilweise in Familienbesitz, teilweise gelangten sie in Museen (Weimar, New York, Brno), teilweise sind sie bis heute in Privatbesitz und wurden nicht restituiert.
Im Zimmer von Fritz Tugendhat stand nicht nur ein normales schmales Bett, sondern auch ein Schreibtisch mit zwei Stuttgart-Stühlen ohne Armlehnen (MR10) und ein Bücherregal mit Glasschiebetüren. Über der Büchervitrine hing ein Bild von Emil Tugendhat, dem Vater von Fritz. Einer der ursprünglichen Teppiche ist in Familienbesitz erhalten.
Wie Fotos von Fritz Tugend belegen, pflegte Grete Tugendhat an diesem Tisch zu lesen, Fritz nutzte diesen Tisch nicht.
Das Damenschlafzimmer ist gendergerecht eingerichtet: Mit einem großen, 140 m breiten Bett, einem naturfarbenen Wollteppich, einem Frisiertisch als Hängekästchen und Spiegel, einem sogenannten Barcelona-Ottoman und einem Brno-Stuhl (MR50) in Flachstahl, ein Protoyp, und einer Tagesliege. Die (nach Grete Tugendhat) „kirschrote“ Polsterung von Ottoman und Brno Stuhl bestand ursprünglich wohl aus Pergament (Ziegenleder?).

Der auf Wunsch von Grete Tugendhat hergestellte Durchgang zu den Kinderzimmern hat auf 3 Seiten Türen und eine Täferung mit Rio-Palisander-Furnier. Für die Stahl-Glas-Tür zur Terrasse verwendete man Gropius entworfene Beschläge. (Die handwerklichen mandelförmigen Ergänzungen des Furniers von 2012 sind verbräunt. Bei einer Kooperation mit Konservatoren-Restauratoren wäre dies vermeidbar gewesen.)


Das Buben-Zimmer, also von Ernst, der noch im Haus der Großeltern geboren wurde (1930-2023) und von Herbert (1933-1980), war mit einfachen lackierten Kindermöbeln ausgestattet. Bei der Rekonstruktion des Einbauschranks wurde auch die auf Familienfotos erkennbare, verglaste Waschnische mit einbezogen. Man kann annehmen, dass die Farbe der Lackierung des Einbauschranks und der Kindermöbel dem Creme Weiß der originalen Türblätter und der Fenster und Terrassentür entsprach.


Durch eine Schiebetür, die 2010-12 rekonstruiert wurde, gelangt man in das Zimmer von Hanna. Die Einrichtung dieses Zimmers wurde von Lilly Reich entworfen, selbstverständlich in Kooperation mit Mies. Die gesamte Einrichtung ist heute eine bewundernswürdige Rekonstruktion von 2010-12. Die Einbauschränke, die Innenseite der (originalen!) Tür und andere Möbel sind mit einem weiteren exotischen Holz furniert, diesmal mit afrikanischem Zebrano. Im Zimmer befanden sich zwei Betten - bei Besuch oder bei Erkrankung der Kinder konnte die Kinderschwester hier schlafen und ihr Zimmer eventuell als Gästezimmer genutzt werden. Die besondere Betreuung der Kinder durch eine ausgebildete Kinderkrankenschwester, nämlich Irene Kalkofen, versteht man besser, wenn man weiß, dass Grete Tugendhat in ihrer ersten Ehe mit Hans Weiß drei Kinder nach der Geburt verloren hat.
Die Einrichtung von Irene Kalkofens Zimmer, die wir sehen, ist eine detailgetreue Rekonstruktion von 2010-12. Sie wurde in gleicher Weise wie Hannas Zimmer von Lilly Reich entworfen und mit afrikanischem Zebrano furniert. Hinter einer Tür des Einbauschranks befindet sich ein verglaster Bereich mit Waschbecken. Während des Tags konnte man das Bettzeug im Bettkasten verschwinden lassen. Zur Einrichtung gehörte auch ein Schreibtisch, ein Stuttgart-Stuhl mit Armlehnen (MR 20) und zum Entspannen ein Tugendhat-Sessel mit textilem Karobezug (MR 70), zeitweise auch ein Pianino.


In ihrer bekannten Rede von 1969 in Brno, die sie auf Tschechisch hielt, zitierte Grete Tugendhat den Architekten Ludwig Hilbersheimer von 1931: „Von diesem Haus können einem Photographien gar keinen Eindruck vermitteln. Man muss sich in diesem Raum bewegen, sein Rhythmus ist wie Musik. Mit diesem Raum ist natürlich vor allem der ca. 237 qm große Wohnraum gemeint.
Die ästhetische Idee des Hauses kulminiert in diesem Raum. Von den insgesamt 29 Stahlstützen aus genieteten und verstärkten L-Profilen sind 11 in diesem Raum frei stehend und mit verchromten und abgerundeten, hochpolierten Messingblechen verkleidet. Die Stützen tragen die Betondecken und ermöglichen ein freies Variieren des sogenannten fließenden Raums. Die äußere Raumbegrenzung bilden einerseits die hangseitige Wand und anderseits, nach drei Seiten, riesige Glaswände, die beim Wintergarten verdoppelt sind.
Innerhalb des Raumes gibt es nur zwei fixe Elemente: die raumhohe Wand aus Onyxmarmor (geologisch ein Aragonit) und die halbrunde, mit Makassar-Ebenholz furnierte Wand des Speiseraums. Die übrige Raumteilung geschieht durch variable Vorhänge in schwarzem oder elfenbeinweißem Samt. Diese ungewöhnlichen, neuartigen Vorhangwände, die entsprechende Gruppierung der Möbel und auch das entsprechende Materialkonzept dürften wohl vor allem auf den Einfluss von Lilly Reich zurückzuführen sein.

Der Eingangsbereich des großen Wohnraums, den man eine durch eine Glastür mit elfenbeinweiß lackiertem Stahlrahmen betritt, wird akzentuiert durch eine Sitzgruppe mit rundem Glastisch (MR140) und Brno-Stühlen mit Pergamentbezug vor einer raumhohen Mattglaswand. Grete Tugendhat sagte in ihrer erwähnten Rede von 1969: „…. mit Freunden verbrachten wir den Abend auch gern vor der von hinten beleuchteten Glaswand, die an die runde Wand anschloss und die ein mildes schönes Licht gab“. Zwischen Eingang und Bibliothek hing ein weißer Samtvorhang, sodass man diesen Teil des Wohnraums ganz abschließen konnte und dann einen intimen Sitzraum hatte.“
Tatsächlich dürfte dieser Bereich gemütlicher gewesen sein als die Bereiche des Raums, wo man auf die Deckenbeleuchtung angewiesen war.
In der Wand am Eingang in das Wohnzimmer mündet die Absaugöffnung der Klimaanlage. Die Austrittsöffnungen der klimatisierten Luft sind entlang des Wintergartens und über dem Makassarbuffet im Bereich des Speiseraums.
Auch bei geschlossenem Samtvorhang sah man das Klavier und die elfenbeinweiß lackierte Vitrine von Lilly Reich mit semitrasparenten bläulich-schwarzen Schiebtüren (das Original ist im Keller ausgestellt). Vor dem Klavier mit Stuttgart Hocker (MR1) befindet sich eine Tür zum Projektionssraum (und Toilette), in dem die so genannte Lokomotive stand, ein 35 mm Filmprojektor, mit dem man von Fritz Tugendhat selbst gedrehte Filme durch eine Wandöffnung auf eine mobile Leinwand projizieren konnte. Leider sind die Filme 1938 in Berlin verschwunden.


Ein ganz außergewöhnliches funktionelles und zugleich dekoratives Element in der Innengestaltung des Hauses ist die Trennwand aus Onyxmarmor. Das Sedimentgestein aus dem Atlasgebirge im damaligen Französisch-Marokko in Nordafrika wurde aus einem riesigen Block, den MvdR in Hamburg gefunden hatte, in 5 Platten herausgesägt. Die Höhe dieser Platten bestimmten bei der Planung die Raumhöhe. Die Gartenfasssade des Hauses ist nach Südwesten ausgerichtet. An sonnigen Tagen, wenn die Sonnenstrahlen durch die Glaswände direkt auf die Onyxwand treffen, fängt die semitransparente Wand an, goldgelb zu leuchten.
Wie die gesamte Einrichtung des Hauptwohnraums war auch die Bibliothek mit Makassar-Ebenholz aus der Region Makassar auf der Insel Celebes in Indonesien furniert. Die Oberfläche des Makassar-Furniers war im ganzen Wohnraum, wie man an erhaltenen Originalmöbeln erkennen kann, dunkel rotbraun gebeizt und poliert, die Zeichnung der malerisch layoutierten Maserung trat dadurch etwas in den Hintergrund zugunsten einer noblen Spiegelung.
Die Einbauten sind noch weitgehend im Original erhalten (außer den Regalbrettern). Hinter dem ehemaligen Getränkeregal an der Ostseite war ein Tresorraum versteckt. Das mit Ziegenpergament bezogene, ruinös erhaltene Bibliothekssofa ist in Brünner Privatbesitz und wurde nicht restituiert. Der sogenannte Bridgetisch, an dem im Rahmen der Liga für Menschenrechte Benefizturniere Bridge gespielt wurde, befindet sich mit einigen anderen Möbeln des Hauses Tugendhat im Weimarer Bauhausmuseum, die Beistelltische sind noch in Familienbesitz, die übrigen Möbel der Bibliothek einschließlich 2 Stühlen mit Korbgeflecht (MR20), des Schreibtischs mit Aktenablage, der mit Pergament bezogenen Brno-Stühle und des mit Leder gepolsterten Tugendhat Stuhls sind verschwunden. Obwohl im Plan die Bibliothek als ‚Arbeitsplatz des Hausherrn‘ bezeichnet wurde, benutzte Fritz Tugendhat nach eigener Aussage den Schreibtisch selten.
„Grete und Fritz Tugendhat waren abends allein in dem großen Raum und saßen meist in der Bibliothek. Die Kinder aßen mit der Kinderschwester im Zimmer von Hanna“, berichtete Daniela Hammer-Tugendhat.
Die auf den Fotos von Fritz Tugendhat zu sehende Tischlampe auf dem Schreibtisch der Bibliothek mit dem wassergefüllten Korpus wurde erst 1931 aufgestellt und ist wahrscheinlich eine Idee von Grete Tugendhat. Eine weitere Beleuchtung außer den Deckenleuchten ist nicht überliefert. Die großen Glasscheiben des Wintergartens hatten Vorhänge aus schwarzer Shantungseide, die Fläche zwischen Wintergarten und Onyxwand konnte mit einem schwarzen Samtvorhang verschlossen werden. Ca. 1932 ersetzte ein von Alen Müller-Hellwig in Lübeck gewebter Teppich in brauner Naturwolle den Orientteppich unter dem Schreibtisch.


1933 formulierte Ludwig Mies van der Rohe seine Bestrebungen als Architekt folgendermaßen:
Die gläserne Haut, die gläsernen Wände erst lassen dem Skelettbau seine eindeutige konstruktive Gestalt und sichern ihm seine architektonischen Möglichkeiten. [...] Jetzt erst können wir den Raum frei gliedern und in die Landschaft binden.
Diese Bestrebungen konnte er zusammen mit Lilly Reich im Haus Tugendhat ohne finanzielle Einschränkungen und in intensiver Kooperation mit den Bauherren verwirklichen:
Am spektakulärsten sind die 3 m hohen, bis zu 16 qm großen Wände aus 10 mm dickem Spiegelglas, vermutlich die größten, die je in einem Privathaus verwendet wurden. Zwei der Scheiben, jene vor der Sitzgruppe und jene vor dem Speiseraum, sind elektrisch versenkbar, kein technisches Unikat, aber doch selten eingesetzt (z. B. in der Villa Gans von Peter Behrens). Die beiden Scheiben können mit Steuerknöpfen auf der Nordwestwand in jeder beliebigen Höhe fixiert werden.
Als Fußbodenbelag wurde weißes Linoleum gewählt. Nach Grete Tugendhat (1969) wollte Mies van der Rohe, „dass der Fußboden als einheitliche Fläche wirkt, was bei Parkett nicht der Fall ist, und Weiß war die neutralste Farbe“.
Zur Heizung dieses Raums sagte Grete Tugendhat 1969: „Um den großen Raum nicht durch Heizkörper zu verunstalten, wurde eine Klimaanlage geschaffen, die man im Sommer als Luftkühlung benützen konnte. Und bezüglich des Energiehaushalts traf sie folgende bemerkenswerte Feststellung: „… die Sonnenerwärmung durch die 10 mm dicken Spiegelglasscheiben (war) so stark, dass wir an sonnigen Wintertagen auch bei sehr tiefen Temperaturen den unteren Raum nie heizen mussten und sogar die großen Fensterscheiben elektrisch versenken und dann wie im Freien sitzen konnten.“ Zur Vermeidung von Kondensat waren Warmwasser-Heizrohre im Bodenbereich angebracht, die auch heute noch als Raumheizung dienen. Grauweiß gestreifte Außenmarkisen schützten vor direkter Sonneinstrahlung.
Das verchromte Geländer wurde erst 1931 aus Sicherheitsgründen angebracht.
Unter den Funktionseinheiten des Raumes ist die Sitzgruppe vor der Onyxwand besonders repräsentativ:
Ein von Alen Müller Hellwig in Lübeck gewebter, gelblich weißer Wollteppich (der industriell gewebte Teppich von 2012 ist völlig anders), eine Tischbank (das Original im Musumsbesitz) drei Tugendhat Stühle mit silberrauem Rodierstoff, drei Barcelonastühle (die Orginale im Museumsbesitz) und ein Ottoman (das Original derzeit im MAK in Wien mit (nach Grete Tugendhat „smaragdgrün“ gefärbtem Polster aus Ziegen-Pergament )und der Dessau-Tisch mit Glasplatte (das Original im Keller).
Vor der Onyxwand stand die von den Bauherrn ausgesuchte Skulptur „Torso der Schreitenden" von dem Deutschen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck von 1914 aus Steinguss, heute eine freie Nachbildung in Bronze (vor 1989?).
Eine weitere (variable) Akzentuierung eines Platzes im Raum geschieht durch die Chaiselongue mit nach Grete Tugendhat „rubinroter“ Polsterung (das Original ist im Keller) und einem Glastischchen.
Die Spiegelung der Pflanzen des Wintergartens in der polierten Onyxwand, die als nüchterne Maschinenästhetik erscheint, ist unregelmäßig, was auf die handwerkliche Herstellung und deren Spuren, also die Faktur der Steinplatten verweist.

MATERIALITÄT
Mies van der Rohe hatte den jungen Eheleuten Grete und Fritz Tugendhat, die ihn an Silvester 1928 in seinem Büro in Berlin besuchten, um die Pläne zu besprechen, erklärt, „wie wichtig gerade im modernen, sozusagen schmuck- und ornamentlosen Bauen die Verwendung von edlem Material sei und wie das bis dahin vernachlässigt worden war, z. B. auch von Le Corbusier.“
Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich verwendeten aber nicht nur edle Materialien wie Onyxmarmor, polierten Chrom und Nickel, Edelhölzer, Pergament, Naturseide und Spiegelglas, sondern auch traditionelle Materialien in den ‚einfachen‘, handwerklichen Elementen, z. B. die geschliffene Öl-Lackierung von Holz und Metall und der Stucco Lustro der Wände und Decken. So wie ein Edelstein erst durch den Schliff seine Schönheit entfaltet, so wirkt die Oberfläche aller Materialien nicht nur durch ihre Struktur, sondern auch durch die außerordentlich präzise handwerkliche Veredelung. Holz und Stein zeigen Querschnitte natürlicher Prozesse und wirken als malerische, rhythmische Ornamente. Aber zugleich unterlaufen die polierten, spiegelnden Oberflächen die ikonische Wirkung der Präsentation der Materialien. Der Eindruck schwebender Deckenflächen wird durch die Materialität des geschliffenen Stucco Lustro verstärkt.
Schwarze und naturfarbene Vorhänge aus Samt und Naturseide integrieren sich in das ästhetische Kontinuum einer an der Materialfarbigkeit orientierten Architektur.
Dezent ausgesuchte Buntfarben setzten Mies van der Rohe und Lilly Reich nur in einzelnen Möbeln ein. Im täglichen Leben kamen dazu die Farben der reichlich aufgestellten Schnittblumen und von Vasen und anderen Keramikgefäßen.
Die Art und Weise, wie Architekturform, Innenraumgestaltung, Möbeldesign und Materialität zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen sind, macht das Haus zu einem Gesamtkunstwerk. Der Gleichklang der Bestrebungen von Architekten und Bauherrn war ein historischer Glücksfall. In diesem Haus ist der Traum der Moderne des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Architektur und Kunst, Kunst und Leben, Leben und Natur zu vereinen, und der warenförmigen Autonomisierung und Aufspaltung der Kunstgattungen ein Gesamtkunstwerk entgegen zu setzen, in höchster Qualität gelungen. Vielleicht ein letztes Mal, das Haus ist auch Zeugnis einer untergehenden Epoche.
Justus Bier fragte 1931 in der Zeitschrift die Form Kann man im Haus Tugendhat wohnen? Und eröffnete damit eine kontroverse Diskussion, in der auch Grete und Fritz Tugendhat Stellung nahmen. Daniela Hammer Tugendhat schrieb dazu (1998):
Mir erscheint dieses Haus wie ein Kleid, wie die Architektur gewordene Verfasstheit meiner Eltern, so wie ich sie, mit allen Ambivalenzen, erlebt und wahrgenommen habe: Das bewundernswerte Streben nach ‚Geistigkeit‘ und ‚Wahrheit‘, das aber zugleich auch eine große Strenge und einen fast unmenschlich hohen Anspruch impliziert. Die Frage von Justus Bier „Kann man im Haus Tugendhat wohnen?“ lässt sich vielleicht so beantworten: Meine Eltern konnten es.



Nur 8 Jahre konnte die Familie Tugendhat ihr Haus genießen. 1938 musste sie vor den herannahenden Nazis und ihren Anhängern in der Tschechoslowakei fliehen, das Haus wurde von der GESTAPO beschlagnahmt.
Bereits 1940 wurde die originale halbrunde Wand, die den Speiseraum definiert, abgebaut und – wie der Kunsthistoriker Miroslav Ambroz 2011 entdeckt hat - das Furnier im Partyraum der GESTAPO im Gebäude der Juridischen Fakultät der Universität Brünn um 90 Grad gedreht als Parapet verwendet. Für die Rekonstruktion wurden diese erhaltenen Teile des Furniers in der in der Innenseite der Wand wieder verwendet, die Außenseite ist rekonstruiert. Durch Fotos von Fritz Tugendhat wissen wir, wie sich in der ursprünglichen, dunkel gebeizten und polierten Oberfläche des veredelten Holzes in der Abendsonne die Landschaft spiegelte.
Die ursprüngliche, heute rekonstruierte Ablageplatte bestand aus einer bläulich-grünen Serpentinit-Brekzie, neben den veredelten Holzoberflächen einziger buntfarbener Akzent der Einrichtung des Speiseraums. Der Tisch steht auf einem Bein, das aus denselben Elementen wie die verchromten Säulen der tragenden Stahlkonstruktion gefertigt ist. Er war zweifach rund vergrößerbar, sodass bis zu 24 an diesem Tisch sitzen konnten. Die Familie lebte aber sehr zurückgezogen, sie aßen abends allein, die Vergrößerung wurde nur selten gebraucht. Die Tischplatte bestand ursprünglich aus schwarz gebeiztem Birnenholz, wie das Innere der Vitrine von Lilly Reich.
Die ursprünglichen Brno Stühle des Speiseraums, deren Verbleib nicht bekannt ist, waren mit naturfarbenem Pergament bezogen, wahrscheinlich Ziegenpergament.
Zum Ensemble des Speiseraums gehört auch das Makassar-Buffet, dessen Original erhalten ist.
Mit den Vorhängen aus naturfarbener Shantungseide und einem einem schwarzen Samtvorhang konnte ein intimer Raum hergestellt werden.

In den Publikationsfotos von Rudolf de Sandalo von 1931 erscheint das Haus – wie bei solchen Fotos bis heute üblich – ohne Menschen. Das Leben in dem Haus dokumentieren private Fotos von Fritz Tugendhat, welche Daniela Hammer-Tugendhat erstmals 1998 in einem im Museumsshop erhältlichen Buch über das Haus Tugendhat (letzte Edition 2020) publiziert hat und die auch für die Restaurierung des Hauses 2010-2012 zur Verfügung standen.
Die Flucht ins Exil führte die Tugendhats zunächst in die Schweiz, im Januar 1941, dann nach Caracas (Venezuela), nachdem die Schweiz die Familie ausgewiesen hatte. Fritz Tugendhat konnte einen Teil der Möbel und der sonstigen Innenausstattung ins Exil mitnehmen, bevor die gesamte Tschechoslowakei am 15. März 1939 durch die deutsche Wehrmacht besetzt wurde. Einige Mitglieder der Familien Tugendhat und Löw-Beer, die nicht emigrierten, wurden von den Nazis ermordet. Von Juni 1943 bis April 1945 bewohnte Walter Messerschmidt, der kaufmännische Direktor der Klöcknerwerke, das Haus Tugendhat. Messerschmidt ließ einige Umbauten vornehmen.
Schäden im Zuge der Kriegshandlungen und der Befreiung im April 1945 durch alliierte Bombardierungen und sowjetische Truppen betrafen im Wesentlichen die großen Glasscheiben.
Nicht nur durch dank hervorragender Bautechnik, sondern auch dank guter Nutzung und Pflege ist das Haus bis heute erhalten geblieben: 1945-1950 als private Tanzschule von Karla Hladka, dann bis 1980 als Teil des Kinderspitals, nach der ersten Restaurierung 1980-1985 als VIP-Hotel und seit 1994 als Teil des Museums der Stadt Brünn.
1948 wurde amtlich festgestellt, dass die Familie Tugendhat die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft besitzt. Der am 8. September 1949 von Fritz Tugendhat gestellte Antrag auf Restitution wurde angesichts sozialistischer Enteignung 1950 abgelehnt. Die Familie beteiligte sich seit 1967 intensiv an den Brünner Bemühungen zur Erhaltung und Restaurierung des Hauses. (Nach der Samtenen Revolution von 1989 war die Restitution nur während eines kurzen Zeitraums im Jahre 2001 und nur für landwirtschaftliche genutzte Immobilien möglich).
Bis heute kann man, auch in Publikationen des Museums der Stadt Brünn lesen, dass die Familie Tugendhat ‚deutsche Juden‘ waren. Damit wird der unrechtmäßige Eindruck erweckt, dass die Beneš-Dekrete von 1945, die für deutsches Eigentum galten, auch auf das Haus Tugendhat anzuwenden sind. Grete und Fritz Tugendhat waren tschechoslowakische Juden, die überwiegend deutsch sprachen.
1992 haben Václav Klaus und Vladimír Mejčar im Garten dieses Hauses und sicherlich auch an diesem Tisch die friedliche Teilung der Tschechoslowakei in zwei unabhängige Staaten ab 1. Januar 1993 verhandelt.
Der Antrag der Familie auf Restitution ihres Eigentums als Kunstwerk im Dezember 2006, um das Haus aus rechtlichen Auseinandersetzungen rund um die Ausschreibung für die Restaurierung herauszunehmen, wurde schließlich 2007 abgelehnt, das Haus verblieb im Eigentum der Stadt Brünn.
Die Familie verzichtete aber auf rechtliche Auseinandersetzungen und beteiligte sich weiter aktiv and der Vorbereitung und Durchführung der Restaurierung von 2010-12. Daniela Hammer-Tugendhat war Ehrenvorsitzende, ihr Mann Ivo Vorsitzender der internationalen Expertenkommission THICOM, welche die Stadt Brünn bei der Restaurierung des Hauses beraten hat. Bei der Wiedereröffnung des Hauses nach der Restaurierung, am 29. Februar 2012, waren Nachkommen von Grete und Fritz Tugendhat anwesend. Daniela Hammer Tugendhat hielt eine Rede, die in unserem (zuletzt 2020 editierten, im Museumsshop erhältlichen) Buch dokumentiert ist. Ein Film von Dieter Reifarth von 2013 erzählt die Geschichte des Hauses Tugendhat und seiner Bewohner in mehreren Sprachen, die Filmedition ist auch im Museumsshop erhältlich.







Zwischen dem Hauptwohnraum und der Küche befindet sich ein Anrichteraum, von dem man über eine Stahlwendeltreppe hinunter zur Techniketage gelangen kann. In diesen Raum mündet auch ein Speisenaufzug, der alle drei Geschosse des Hauses verbindet. An den Aufzugskörper schließen elfenbeinweiß lackierte Einbauschränke für Geschirr an. Hinter dem Raum befindet sich eine Speisekammer. Vor dem großen Mattglas-Fenster, das den Blick auf die Gartenterrasse der Familie verhinderte, standen zwei hohe Anrichtetische, die das architektonische Prinzip des Hauses widerspiegeln.


Die Küche bildet im Grundriss eine Verbindung zwischen dem Wohn- und dem Personaltrakt. An der Ostwand stand ein Herd mit Kamin, wahrscheinlich auch Gasanschluss. Die Küchenzeile waren mit 2 Waschbecken und einer Metallspüle ausgestattet. Der Blick aus dem Südwestfenster auf die Gartenterrasse war durch eine Mattglasscheibe versperrt. In der Ecke gab es einen quadratischen Küchentisch aus Holz mit vier schlichten, lackierten Holzstühlen, deren Rückenlehne und Sitzfläche mit Pergamentbezügen gepolstert war (Die Möbel sollen in der Nachbarschaft noch erhalten sein). Gegenüber dem Tisch befindet sich ein cremeweißer Einbauschrank, der die Speisekammer abtrennt. Die Wände der Küche sind bis raumhoch cremeweiß verfliest, auf dem Boden sind farblich ähnlichen Keramikfliesen der Marke RAKO in einem etwas dunkleren Farbton verlegt. Die Stahlstützen sind nicht verkleidet, sondern cremeweiß lackiert. Im Personaltrakt auf der Ebene des 2. Geschosses befanden sich die Zimmer der Köchin und der Stubenmädchen, die heute als Diensträume für das Museumspersonal dienen.






Eine Klimaanlage mit einem eigenen Raumkomplex war in 1930 in einem Privathaus eher ungewöhnlich, die Technik stammt aus Lagerhäusern oder dem industriellen Bereich. Gefilterte, befeuchtete und thermisch aufbereitete Luft wird dem Hauptwohnraum zugeführt. Zur Regulierung dient eine einfache Bedienungstafel mit beweglichen Kurbeln. Mit diesen lassen sich Menge der Frischluft, Zirkulation/Temperatur und Kühlung manuell regulieren. Die Luft wird in einer speziellen Rieselkammer, deren Boden mit Salzsteinen ausgelegt ist, gekühlt und befeuchtet. Auf diese Steine läuft Wasser aus Düsen, die in eine längslaufende Wasserleitung eingesetzt sind. Die Filterung erfolgt durch einen rotierenden Ölfilter mit Uhrenantrieb und einen Holzwolle-Filter, der den Ölgeruch auffängt. Zur Erwärmung der Luft dient ein Wärmetauscher. Für die Luftzirkulation sorgt ein Radialventilator mit Elektroantrieb (der erhaltene SVET-Motor stammt aus dem Jahr 1942). Der Ventilator ist auf einem Betonsockel mit einer Korkzwischenschicht montiert, welche die Übertragung von Vibrationen auf die Grundfundamente verhindert. Das Stahlgeländer am Ventilator ist original. Nach der beschriebenen Aufbereitung wird die Luft dem Hauptwohnraum zugeleitet. Das System funktioniert als Belüftung und sanfte Kühlung, vor allem aber als Warmluftheizung. Die gesamte Lüftungsanlage ist bis auf kleine Details im Originalzustand erhalten und voll funktionsfähig, wird aber nicht betrieben.

Dieser Raum diente ursprünglich als Raum zur Aufbewahrung von Gartenmöbeln. Die Dauerausstellung informiert über die Geschichte des Hauses, sowie über die Bauherren und den Architekten. Die Ausstellung zeigt auch Fotos von Fritz Tugendhat aus den 1930er Jahren. Im Jahr 2019 wurde die Ausstellung um Informationen über Mies van der Rohes Arbeits- und Lebenspartnerin Lilly Reich ergänzt. Dieser Raum wird regelmäßig als Auditorium für Vorträge, Fachseminare und Kurzausstellungen genutzt. Aus bautechnischer Sicht sind die freigelegte Struktur der Kreuzprofil-Tragsäulen aus genieteten L-Profilen, die Führung der Belüftungstechnik unter der Decke und das Fundament für die Onyx-Trennwand im Hauptwohnbereich erwähnenswert.


Bei der ersten Renovierung der Villa in den 1980er Jahren wurde der Kokskesselraum mit zwei Strebel-Kesseln zu einer Wärmetausscherstation mit Anschluss an die städtische Fernwärme umgebaut. Das einzige erhaltene Element der ursprünglichen Technik ist der Aschenaufzug, der durch eine Luke auf die technische Terrasse vor dem Gebäude führt, und Teile der ursprünglichen cremeweißen Fliesen. Der Aufzug wurde 2010-12 restauriert. Gleichzeitig wurden zwei sanierte historische Strebel-Kokskessel und ein Kessel zur Warmwasserbereitung an den ursprünglichen Stellen aufgestellt. Angesichts seines Alters und Zustands wurde einer der Kessel nur einmal in Betrieb genommen. Neben dem Heizraum befindet sich ein Kokslager, in dem der original erhaltene Kokseinwurfschacht mit seiner schwarzen Auskleidung mit Fliesen restauriert wurde.


Für die Versenkung der großformatigen Fensterscheiben sorgen zwei Elektromotoren. Fotos belegen, dass die Anlage nach 1945 noch betriebsfähig war.
Während der Sanierung in den 1980er Jahren wurde die Anlage renoviert und mit neuen Elektromotoren aus Košice versehen. Im Rahmen der zweiten Restaurierung des Gebäudes in den Jahren 2010-2012 wurde die Anlage vollständig wiederhergestellt. Die ausklappbaren Lamellen aus Messing, die verhindern, dass beim Versenken der Fenster Wasser in den Maschinenraum eindringt, waren nur noch teilweise erhalten und wurden erneuert. In diesem Raum ist die Verstärkung der Stahltragkonstruktion in horizontaler Richtung, das sogenannte Andreaskreuz, in der Wand deutlich zu erkennen. Wegen der der erheblichen mechanischen Belastungen


Ursprünglich wurde der Raum für das Trocknen der Wäsche sowie zum Bügeln genutzt, daneben gab es einen Lagerraum für Obst und Gemüse und einen Speiseaufzug. Derzeit befinden sich hier ein Ausstellungs- und Besucherzentrum sowie die Kasse.
In Spezialvitrinen sind seit Oktober 2015 in dem Ausstellungsraum originale Möbelstücke aus der Erstausstattung des Hauptwohnraums des Hauses zu sehen:
· Vitrine aus weiß lackiertem Holz mit tragenden Stahlrohren und Glasschiebetüren; entworfen von Lilly Reich, 1930, hergestellt von S. B. S. Brno
· Tisch der Sitzgruppe vor der Onyxwand aus verchromtem Bandstahl mit Glasplatte (nicht original); Entwurf Ludwig Mies van der Rohe, 1930, Ausführung Berliner Metallgewerbe, Joseph Müller
· elegante Chaiselongue aus freischwingendem Stahlrohr mit erneuerter roter Polsterung, befestigt durch Lederriemen mit Schnallen; Entwurf Ludwig Mies van der Rohe, 1931, Ausführung Bamberg Metallwerkstätten.
Diese Möbelkollektion wurde in den 1960er Jahren von dem der Familie bekannten Architekten Jan Dvorák in Brünn in der Nachbarschaft des Hauses entdeckt, nicht restituiert und an die Mährische Galerie verkauft. 2014, nach der Restitution dieser Möbel an die Familie, hat die Stadt Brünn die Möbel, die mit Ausfuhrverbot gelegt waren, mit Unterstützung der Stadt Wien der Familie Tugendhat abgekauft.



Hinter der ehemaligen Bügelkammer, der heutigen Kasse, befinden sich drei Räume: eine Waschküche, die Dunkelkammer von Fritz Tugendhat und dahinter die sogenannte Mottenkammer. Die Dunkelkammer hat außer einem Kaminanschluss eine Lüftung, im Eingangsbereich sieht man an der Fassade der Fahrerwohnung entsprechende kreisförmige Öffnungen.
Von der ursprünglichen Ausstattung der Waschküche und der Dunkelkammer ist nichts erhalten geblieben, zur Veranschaulichung wurden aber die Räumlichkeiten mit historischen Exponaten ausgestattet.
Der in den ursprünglichen Plänen als „Mottenkammer" bezeichnete Raum diente zur Aufbewahrung von Winterkleidung, mehr als Grete Tugendhats Wintermantel, ihre Pelzstola und im Sommer Wollkleidung war hier nichts aufgehängt. Der Raum ist in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben, d. h. mit authentischen Steingutfliesen an den Wänden und der Decke sowie etwas dunkleren Keramikbodenfliesen am Boden sowie Kleiderstangen aus Messing.


Der Garten mit seiner Fläche von fast 6000 m2 wurde von Ludwig Mies van der Rohe in Zusammenarbeit mit der Brünner Gartenarchitektin Markéta Müllerová entworfen. Historische Pläne von 1909 belegen, dass das Wegesystem vom englischen Garten für das Jugendstilhaus von 1904 stammt, das ab 1913 die Familie von Grete Tugendhat bewohnte. Dieser Bereich gehörte damals eigentumsrechtlich nicht zum Haus Tugendhat, sondern zu Gretes Elternhaus.
Der Bereich vor dem Haus Tugendhat wird von einer großen Wiese dominiert, die im Sinne jener Idee konzipiert ist, die Mies van der Rohe als „betonte Leere" bezeichnete.
1969 hat man die doppelte Bruchsteinterrasse, die vom Garten her betrachtet, als Vermittlung zwischen Garten und Gebäudemasse dient, mit Hausteinen rekonstruiert, und damit einen Zustand geschaffen, der zwar geplant worden war, aber 1930 nicht ausgeführt wurde. 2010-2012 wurde wieder der ursprüngliche Zustand mit Trockenmauern rekonstruiert. Der Bewuchs der unteren Hausfassade und der oberen Terrasse war bereits in den originalen Planzeichnungen vorgesehen.
Markante Solitärbäume sind ein Ahorn (links), eine Trauerweide, der Lieblingsbaum Grete Tugendhats, auf der halbrunden Terrasse unter der Gartentreppe aus Bruchstein (mit Gartenmöbeln, die noch in der Nachbarschaft erhalten sind), unterhalb der Weide dann eine ausladende Platane und schließlich der Schnurbaum, unter dem Václav Klaus und Vladimir Mejčar die Teilung der Tschechoslowakei verhandelt haben. An der Nordwestseite des Hauses unterhalb der Gartenterrasse und des Küchenfensters befindet sich ein Kräutergarten.
Der Sommersitzbereich unter der Trauerweide korrespondierte axial mit dem Speiseraum. Daniela Hammer-Tugendhat schreibt: „Der Garten, weitgehend als Wiese belassen, bot ein kleines Spieparadies für die Kinder, die diesen Garten Sommer und Winter für ihre Aktivitäten nutzten. Im Winter konnten die Kinder bis zum Haus der Großeltern rodeln und Ski fahren. Die Vorstellung von Freiheit, die Mies so wichtig war, konnte hier – für diese kleine wohlhabende Familie – verwirklicht werden.
