
1. Johann Pachelbel: Canon in D für drei Violinen und Continuo. 4:23
2. Pietro Locatelli, Concerto Grosso in C-Moll, Op. 1/11– 3: Sarabande. 3:47
3. Arcangelo Corelli, Concerto Grosso in D, Op. 6/4 – 2. Adagio. 2:16
4. Henry Purcell, Chaconne in G Moll für Streicher. 6:28
aus:
Albinoni: Adagio – Pachelbel: Canon; Scotish Ensemble, Jonathan Rees, Virgo 1991
Design Kondolenzbuch: David Spiola

Liebe Freundinnen und Freunde,
Dear Friends,
Queridas amigas y queridos amigos,
Ich möchte euch im Namen unserer Familie alle herzlich begrüßen.
Und danken, dass ihr zu dieser Feier gekommen seid.
Ich danke auch allen Menschen, die Daniela während ihrer Krankheit begleitet und betreut haben. Ein besonderer Dank für die Betreuung in den letzten Tagen geht an Viktória Kovács.
Unser Dank gilt auch allen, die zur Gestaltung dieser Feier beitragen.
Wir wollen nicht nur Abschied nehmen von Daniela, sondern auch Danielas gelungenes Leben feiern.
Ich hatte das Glück, 55 Jahre mit dieser wunderbaren Frau zusammen zu leben.
Sie lebt in unseren Kindern und Enkeln weiter.
Sie wird als Person und in ihren Werken unauslöschlich in Erinnerung bleiben.
Wir können ihr Leben und ihre gesellschaftliche Praxis als Auftrag verstehen, im Denken und Handeln nicht stehen zu bleiben.
Ivo Hammer-Tugendhat



Liebe Familie Hammer-Tugendhat, liebe Trauergäste!
Drei Tage vor deinem Tod, liebe Daniela, hast du dir gewünscht, dass ich die Laudatio anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens bei deiner Trauerfeier noch einmal vortrage. Ich halte sie heute minimal adaptiert. Es fällt mir nicht leicht, denn alle hier hätten ihre eigenen Worte – und manche kennen die Rede schon. Vor allem fehlt mir die Blickkontakt zu deinen klugen, wachen Augen schmerzlich. Gleichzeitig erfülle ich dir deinen Wunsch mit größter Freude und Dankbarkeit.
Eine harmonische Farbgebung aus Blaugrün und Ockertönen. Dazwischen bunte, vor allem rote Farbtupfer. Ich erkenne eine weite hügelige Landschaft. Auf dem Bild herrscht ein volksfestartiges Treiben. Erst bei genauerem Hinschauen entdecke ich im Zentrum winzig klein das eigentliche Geschehen. Es zeigt einen unter einem Kreuz zusammengebrochenen Mann. Die Menschen schenken dem dramatischen Geschehen keinerlei Beachtung, zu allgegenwärtig scheint der Mord an Andersgläubigen zu sein. Trotz der sakralen Thematik handelt es sich um ein höchst politisches Bild, das eng mit den Ereignissen zu dessen Entstehungszeit zu tun hat, aber auch heute noch ausgesprochen aktuell erscheint angesichts der vielen weltweiten kriegerischen Konflikte und der Nichtakzeptanz von Vielfalt und Andersartigkeit.
Ein Nachdenken über die Bedeutung der Wissenschaftlerin, deren Leben wir heute feiern, ist ohne ein Eintauchen in die Welt der Bilder, mit denen sie sich befasst, nicht möglich. Die 1564 entstandene „Kreuztragung“ von Pieter Bruegel dem Älteren ist eng mit den Forschungen von Daniela Hammer-Tugendhat verbunden. Und es war das erste Kunstwerk, das ich durch die Augen von Daniela als Studentin vor über 35 Jahren sehen durfte. Dies hat meine Sicht auf die Kunst, auf die Kunstgeschichte, ja auf die Welt insgesamt radikal verändert und entscheidend geprägt. Anhand der Analyse dieses Bildes habe ich von Daniela Hammer-Tugendhat Vieles gelernt – wie unzählige andere junge Menschen auch. Vieles, was über die Kunstgeschichte weit hinausgeht. Von ihr habe ich vermittelt bekommen, dass die Produktion und Rezeption von Kunst zum Spannendsten und Sinnstiftendsten gehört, was das Leben zu bieten hat. Vor allem habe ich begriffen, dass Kunstgeschichte zutiefst mit allen Bereichen des menschlichen Daseins verbunden ist. Denn über ihre Bildanalysen wird die Welt in all ihrer Komplexität, in all ihrer Schönheit, in all ihrer Grausamkeit, in all ihrer Widersprüchlichkeit erfahrbar. Anhand von Werken wie Cranachs „Lucretia“ , Tizians „Danae“, Rembrandts „Familienbildnis“, oder Hodlers Serie der sterbenden Valentine Godé-Darel verhandelt Daniela Hammer-Tugendhat zeitlose und zugleich äußerst aktuelle Themen: Sie schreibt über Sexualität, Geschlechterkonstruktionen, Gewalt an Frauen, Familienbeziehungen, ökonomische Ungleichheiten, Machtverhältnisse, Leben und Tod. – vor allem auch über mediale Fragen wie das Verhältnis von Text und Bild.
Daniela Hammer-Tugendhats Forschungen sind für die Gesellschaft so bedeutsam, weil sie in ihrem Ansatz „Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft“ vor Augen führt, dass Bilder die Wirklichkeit entscheidend mitkonstituieren, so wie umgekehrt Kunstwerke nie losgelöst von den ökomischen, sozialen, politischen, geschlechterspezifischen und sprachlichen Realitäten einer Gesellschaft gesehen werden können. Bei all der Verortung innerhalb geschichtlicher und gesellschaftspolitischer Zusammenhänge lässt sie die Kunst aber immer Kunst sein. Sie begegnet Kunst und Künstler:innen mit größtmöglicher Wertschätzung und aufmerksamer Zuwendung. Das zeigt sich auch darin, dass ihren Thesen detaillierte Bildbeschreibungen vorausgehen. Stets weist sie darauf hin, dass bildende Kunst Eigenschaften hat, die mit nichts anderem gleichzusetzen sind. Sie zeigt auf, dass Kunst den Finger in Wunden legen kann. Dass sie Dinge visualisieren kann, die von der Gesellschaft verdrängt oder ausgeblendet werden. So schreibt sie: „Kunst kann Unsichtbares sichtbar machen. Sie hat aber auch das Vermögen, Dinge, Menschen, Vorstellungen oder Ideen in bestimmten Zusammenhängen unsichtbar werden zu lassen, sie aus dem Feld der Repräsentation und damit auch aus unserem Bewusstsein zu löschen.“
Wie sich an diesem Zitat aus ihrem letzten Hauptwerk spiegelt, formuliert Daniela Hammer-Tugendhat ihre Gedanken in einer präzisen und bescheidenen Sprache. Nie stellt sie sich selbst ins Zentrum ihrer Forschungen. Die Eitelkeit, die mitunter aus akademischen Texten spricht, fehlt in ihren Arbeiten gänzlich. Zugleich versteckt sie sich nie hinter einer scheinbaren wissenschaftlichen Objektivität, sondern macht stets transparent, dass Wissenschaft immer auch mit Haltung, mit Werten, mit Menschen und deren jeweils spezifischer Sicht auf die Wirklichkeit zu tun hat.
Völlig zurecht wird Daniela Hammer-Tugendhat als Pionierin der feministischen Kunstwissenschaft gefeiert wie ein Popstar. Ihre Vorlesungen auf You Tube erreichen ein enorm breites Publikum, begeistern Menschen, die sich normal keineswegs für Kunstgeschichte interessieren.
Wir feiern und verabschieden heute eine Ikone der Kunstgeschichte, deren Leistungen – davon sind wir alle hier überzeugt – noch in weit größerem Maße gewürdigt werden, als es bisher geschah.
Daniela Hammer-Tugendhat, die 1946 in Venezuela geboren worden ist, wohin ihre jüdische Familie vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, ist 1967 aus der Schweiz nach Wien zum Studium der Kunstgeschichte bei Otto Pächt gekommen. Und zum großen Glück dieser Stadt hat sie hier bis zu ihrem Tod gewirkt. Denn Daniela Hammer-Tugendhat hat das intellektuelle Leben Wiens, ja des Kulturlandes Österreich als scharfe Denkerin, kritische Zeitgenossin und herausragende Kunsthistorikerin nachhaltig bereichert. Mit ihren Forschungen und Publikationen – angefangen von der Dissertation über „Hieronymus Bosch“ über die Habilitations-„Studien zur Geschichte der Geschlechterbeziehung in der Kunst“ bis zu ihrem 2009 erschienen Hauptwerk „Das Sichtbare und das Unsichtbare“. Vor allem aber durch die jahrzehntelange Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst, später auch an der Universität Wien und anderen renommierten, internationalen Universitäten. Aus ihrer Schule sind bedeutende Wissenschaftlerinnen hervorgegangen, die meisten sind heute hier. Viele Künstler:innen haben Werke geschaffen, die direkt oder indirekt von Daniela Hammer-Tugendhats Lehre und Forschung beeinflusst sind.
Das Aufzählen ihrer akademischen Meriten reicht bei weitem nicht aus, um das zu charakterisieren, was Daniela Hammer-Tugendhat zu der herausragenden Persönlichkeit macht, als die sie so geschätzt und bewundert wird.
Daniela, alle Ehrungen und Wertschätzungen, die du bekommen hast und posthum noch bekommen wirst, gebühren dir mehr, als ich es heute in Worte fassen kann. Denn bei dir gehen deine Leistungen als innovative Kunsthistorikerin, als glasklar formulierende Autorin, als das Publikum fesselnde Vortragende, als leidenschaftliche Lehrende, als politisch engagierte und kritische Zeitgenossin, als liebevolle Ehefrau, Mutter und Großmutter und als wertschätzende Freundin eine untrennbare Einheit ein.
Substanziell zu dir gehören Mut und eine klare, politische Haltung. Das brauchen wir gegenwärtig im Zuge des weltweiten, zunehmenden Rechtsrucks – mehr denn je. Mehr als einmal habe ich dich erlebt, wie du in heiklen Situationen unmissverständlich Stellung bezogen und in diversen beruflichen Zusammenhängen harte Kämpfe ausgefochten hast, auch wenn sie dir persönlich geschadet haben, weil du kompromisslos immer für das eingestanden bist, was dir wichtig war und was du im Leben für notwendig erachtetet hast.
Gerade die Kunst ist für dich stets Beispiel gewesen, um Ambiguitätstoleranz zu schulen. Etwas, das gerade in Zeiten, in denen ein polarisierendes Schwarz-Weiß-Denken in Politik, Gesellschaft und Sozialen Medien wieder rasant zugenommen hat, besonders wertvoll erscheint.
Charakteristisch an dir war deine Dialogfähigkeit und das stets offene, kritische Gespräch, das du mit deinem Gegenüber gesucht hast. Dazu hat auch gehört, dass du selbst in höchstem Maße kritikfähig warst. Wir haben in den letzten Jahren viel zusammengearbeitet und dabei habe ich erlebt, wie tief du dich auf alles, womit du dich befasstest, eingelassen hast; dies betrifft die Kunst, aber auch die Menschen, mit denen du kooperiert hast. Nie habe ich sonst erlebt, dass ein Mensch, der auf seinem Gebiet so eine Legende ist wie du, so offen für Kritik an seinen Ausführungen ist. Umkehrt hast du dein Gegenüber in höchstem Maße herausgefordert, indem du beispielsweise selbst kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung kritisch hinterfragt hast, warum ich ein bestimmtes Kunstwerk, das dich nicht überzeugt hat, ausgewählt habe. Die Größe deiner Persönlichkeit hat sich auch darin gespiegelt, dass sich deine anfängliche Skepsis mitunter in Begeisterung wandeln konnte, wenn dir die Argumentationen deiner Gesprächspartnerin überzeugend genug erschienen sind.
Daniela, Du hast allen, die privat oder beruflich mit dir zu tun hatten, eindrucksvoll aufgezeigt, was es heißt, dem Leben in größtmöglicher Intensität und Aufrichtigkeit zu begegnen. Selbst wenn das heißt, sich vollen Bewusstseins der eigenen Endlichkeit zu stellen. So hast du in dem Gespräch für unseren Katalog „Sterblich sein“ den eindrucksvollen Satz formuliert: „Das Schlimmste ist nicht zu sterben, sondern nicht gelebt zu haben.“
Daniela, dir gebührt all unsere Bewunderung, weil du im Leben wie in der Wissenschaft stets Entscheidungen getroffen hast. Und weil du sie nach Kriterien getroffen hast, die du selbst definiert hast und nicht nach solchen, die die leistungsorientierte, neoliberale Gesellschaft einem aufzwingt.
Auch privat hast du kluge Entscheidungen getroffen, indem du uns allen vorgelebt hast, wie man mit einem Menschen, mit deinem lieben Ivo, ein Leben lang glücklich sein kann. Gerade in den letzten Monaten des Schwächerwerdens hast du mir mehrfach gesagt, immer wenn Ivo aus dem Zimmer gegangen ist, wieviel Kraft du durch Ivo, seine Zuneigung und Lebensfreude bekommst.
Du warst und bist gerade für viele Frauen ein Vorbild, weil du uns in einer Zeit, als dies noch viel schwieriger als heute war, vor Augen geführt hast, dass es möglich ist, Wissenschaft und Familie zu vereinen, indem du deine wunderbare Söhne Lukas und Matthias bekommen und mit Ivo gemeinsam liebevoll aufgezogen hast. Zugleich hast du die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht schöngeredet, sondern hast uns als junge Frauen damals an deinem Kampf teilhaben lassen.
Trotz all der Leidenschaft, mit der du deiner Arbeit nachgegangen bist, bist du anderen Menschen immer eine Unterstützung gewesen, dazu gehörte die wertschätzende Pflege von Freundschaften. Es ist ein Geschenk, dich als Kooperationspartnerin, als Lehrende, als Freundin – und wie ich von deiner Familie weiß, als Frau, als Mutter, Schwiegermutter und als begeisterte Großmutter – gehabt zu haben. Ich danke dir im Namen aller hier anwesenden Trauergäste für das, was du für jede und jeden Einzelnen warst und bist. Ich danke dir für all das, was du für die Kunstgeschichte, die Kulturwissenschaft, für die Kunstszene, für die Stadt Wien, das Land Österreich und weit darüber hinaus geleistet hast. Unsere Trauer ist heute unendlich – zugleich aber das Glück, Teil deines Lebens, deines Denkens und Wirkens gewesen zu sein.

Trauerrede für Daniela
Wir alle wissen, was wir an Daniela verloren haben, wie viel wir ihr verdanken, wie reich sie uns beschenkt hat. Ich möchte einige Eigenschaften von ihr in Erinnerung rufen, die in mir besonders intensiv nachhallen und die mir wichtig sind:
Ihre Stimme
Wenn ich an Daniela denke, höre ich ihre Stimme. Sie hatte eine unverwechselbare Stimme: klar und nachdrücklich artikulierend, mit der außergewöhnlichen, für sie so charakteristischen Kombination von schweizerischer Färbung und österreichischen Idiomen. Wenn ich Texte von ihr lese, dann höre ich sie sprechen. Ich glaube, das liegt daran, dass bei Daniela – und das ist etwas Besonderes – zwischen ihrem Denken, ihrem Sprechen und ihrem Schreiben eine unmittelbare Beziehung bestand; sie schrieb, wie sie sprach, und sie sprach direkt aus, was und wie sie dachte. Deshalb ist in ihren Schriften, auch in den rein wissenschaftlichen, immer ihre ganze Persönlichkeit präsent.
Ihre Liebe zum Schönen
Daniela war eine Schönheit: Ihr schmales Gesicht, die wunderbar elegante Nase, der geschwungene sinnliche Mund, ihre warmen und klaren Augen, ihr kraftvolles dunkles, zuletzt silbernes Haar und ihre aufrechte Haltung machten sie zu einer aufsehenerregend schönen, eindrucksvollen Frau. Ihre Kleidung war von lässiger Eleganz, sie trug gerne leuchtende Farben und ausgesuchten Schmuck. Daniela hatte Freude daran, gemeinsam mit Ivo ihre Lebenswelt schön zu gestalten. Schönheit war für sie nichts Äußerliches, sondern eine seelische Qualität, eine Lebensform. Ein schön gestalteter Lebensalltag war unabdingbar für Danielas ästhetisches Empfinden – ein elementarer Bestandteil ihrer großen Liebe zur Kunst.
Ihr aufmerksamer Blick
Es gibt ein Foto von Daniela, das Ivo aufgenommen hat, als die beiden das letzte Mal zusammen in einer Ausstellung waren: die Ausstellung „Künstlerinnen und Moderne“ im Belvedere. Da war sie schon von ihrer Krankheit schwer gezeichnet, saß im Rollstuhl, schon fast zu schwach zum Schauen. Doch das Foto zeigt sie auf ein Kunstwerk blickend – und es ist genau der Blick, den ich von ihr so gut kenne, von den zahllosen Ausstellungen, die wir gemeinsam besucht und besprochen haben: Sie schaute ein Werk immer sehr lange und aufmerksam an, und in ihrem Blick lag immer zugleich eine analytische und eine wertschätzende Haltung. Es war ein Blick, der die Kunst ganz und gar zu ergründen suchte. Und genauso aufmerksam schaute Daniela auf Menschen: neugierig und einfühlsam, kritisch, ergründend und zugewandt.
Ihre kommunikative Intellektualität
Daniela war eine scharfe Denkerin, die Freude am wissenschaftlichen und am politischen Diskurs hatte. Die über den akademischen Tellerrand hinausblickte und die sozialen Verhältnisse mitdachte. Sie argumentierte glasklar und kritisch, blieb aber offen für die Argumente anderer. In der Kunstgeschichte war Daniela eine Einzelgängerin – in dem Sinne, dass sie sich keinem Turn oder Trend anschloss, sondern unbeirrt ihren eigenen kulturwissenschaftlichen Forschungsansatz verfolgte, dessen Erkenntnispotenziale nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Zugleich war Daniela immer an einem fruchtbaren Austausch interessiert. Sie stand mit vielen Kolleg*innen in engem Kontakt und betonte stets, wie bereichernd die Zusammenarbeit für sie war. In den Jahren unserer Freundschaft haben wir praktisch alle unsere Projekte – Bücher, Aufsätze, Vorträge, Ausstellungen – wechselseitig gelesen und besprochen; Das war ein unbeschreiblicher Gewinn und auch ein großes Vergnügen. Danielas kommunikative Intellektualität prägte auch ihre akademische Lehre, die in wahrstem Sinne des Wortes von pädagogischem Eros getragen war. Ob mit Schüler*innen, Freund*innen oder Kolleg*innen – Daniela hatte die kostbare Gabe zum offenen, nach gemeinsamer Erkenntnis strebenden Dialog.
Ihr Mut gegen den Strom zu schwimmen
Daniela hat oft couragiert Stellung bezogen, in wissenschaftlichen Kontroversen wie in politischen. Sie hatte keine Angst, allein gegen eine Mehrheit anzutreten, wenn es ihr richtig erschien. Heute wird sie als Pionierin der feministischen Kunstgeschichte gewürdigt, doch darüber gerät leicht aus dem Blick, dass sie sich diese Anerkennung als Frau, Mutter und Feministin in einem patriarchal geprägten Wissenschaftsbetrieb gegen massive Widerstände verschaffen musste. Auch hochschulpolitisch war sie kämpferisch: Ich erinnere nur an ihren Einsatz gegen das Universitätsgesetz. Selbst als sie schon sehr krank war, brachte sie die Kraft auf, sich im Universitätsrat der Angewandten für die Interessen der Schule einzusetzen. Und Daniela war immer gesellschaftspolitisch hellwach und engagiert. Mit Ivo zusammen war sie unter anderem in der Chile-Solidarität aktiv. Und in ihren letzten Lebensjahren hat sie an den Verheerungen der Kriege in der Ukraine und in Gaza intensiv Anteil genommen. Die vorherrschende Tendenz, sich im Nahostkonflikt unkritisch entweder auf die eine oder die andere Seite zu schlagen, lehnte sie – bewusst auch vor ihrem eigenen jüdischen Hintergrund – nachdrücklich ab.
Ihre Liebesfähigkeit
Daniela war eine große Liebende und ein warmherziger Familienmensch. Ivo war ihre lebenslange große Liebe. Die beiden hatten das besondere Glück, über 50 Jahre lang fast alles miteinander teilen zu können, was ihnen wichtig war: die intensive Beschäftigung mit Kunst ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem politischen Geschehen, die Lust am Wandern in den Bergen ebenso wie die Freude an kulinarischen Genüssen und Geselligkeit. Sie haben Schönes, aber auch Schweres geteilt. Viele, viele Jahre haben Ivo und Daniela für das Haus Tugendhat gekämpft, uneigennützig und gegen unsägliche Widrigkeiten; gemeinsam trugen sie maßgeblich dazu bei, dass das von den Nationalsozialisten geraubte Familienkleinod heute im restauriertem Zustand als UNESCO-Welterbe der Öffentlichkeit zugänglich ist. Und schließlich hat Ivo Daniela in ihren letzten Lebensjahren auf bewundernswerte Weise begleitet und gepflegt. Besonders beeindruckt hat mich, dass es den beiden bis zuletzt gelang, dem Leben trotz allem schöne und glückliche gemeinsame Stunden zu gewinnen. Und zu ihren kostbarsten, herzenswärmsten Momenten gehörten die, die sie mit ihrer innig geliebten Familie erlebt haben – mit Matthias und Lukas, Auolla und Sandra, mit Theo, Anouk, Suna, Naima und Yara.
Ihre Begabung zur Freundschaft
Daniela war ein in sich ruhender Mensch. Sie brauchte sich nicht in Szene zu setzen oder mit anderen zu konkurrieren. Ganz im Gegenteil war sie Menschen gegenüber aufgeschlossen und zugewandt; wen sie schätzte, dem begegnete sie mit großer Herzlichkeit. Gemeinsam mit Ivo pflegte sie eine wundervolle Gastfreundschaft und sie bezauberte ihre Gäste als weltbeste Tortenbäckerin. Lebenslang hat Daniela immer wieder neue Freundschaften geschlossen – ihre Herzenswärme wurde, so schien es, durch die Verteilung auf viele Menschen nicht etwa weniger, sondern eher immer mehr. Und wer ihre Freundschaft genoss, konnte sich glücklich schätzen. Denn Daniela war, so wie ich es erlebt habe, eine sehr gute Freundin: eine, mit der es unzählige Gesprächsthemen gab, eine, die kritisieren konnte auf wertschätzende Weise, eine, die liebevoll, empathisch und bestärkend war, verlässlich und treu.
Am Ende bleibt mir nur, meinen persönlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen: Ich empfinde einen unermesslichen Verlust, bodenlose Traurigkeit – aber auch eine tiefe Dankbarkeit, dass es diesen besonderen, geliebten Menschen Daniela in meinem, in unserem Leben gegeben hat.

Lieber Ivo, lieber Matthias mit Familie, lieber Lukas mit Familie, liebe Freunde und Freundinnen von Daniela und vor allem liebe Daniela!
Lieber Ivo, du hast mich eingeladen ein paar Worte zu sagen, als Freund der Familie, als Freund von Daniela - als Theologe katholischer Tradition - das bin ich. Du hast mich eingeladen, ein paar Worte zu sagen als politischer Weggefährte von Daniela, von Dir und euch - gerne, auch wenn in Anbetracht des Todes, vor allem und ganz zuerst das Schweigen angebracht ist.
Vor vielen Jahren, bei einer Tagung der Österreichisch Kubanischen Gesellschaft auf einem Bauernhof in Niederösterreich - nach etlichen Vorträgen und Diskussionen - wurde getanzt. Du hast gern getanzt, ich hab gern getanzt. Ich kam gerade aus einem mehrjährigen Aufenthalt in Brasilien, ich erzählte davon, du erzähltest von deiner Kindheit. Wir haben lange getanzt, auch das Tanzen zeigte uns unsichtbare Dimensionen des Lebens.
Dann: mit dem Fahrrad kamen wir, d.h. meine Frau und 4 Kinder von Innsbruck kommend, über den Donauradweg zum Volksstimmenfest am Prater. Wir suchten Zuflucht beim sg. Paraguaystandl. Brasilien, Paraguay standen gerade in der Endphase einer schrecklichen faschistischen Militärdiktatur - wir waren uns ganz bewusst, wie viel Leiden, wie viele Menschenrechtsverletzungen, wie viel Folter die unterdrückten Völker mitmachten. Dort haben wir uns getroffen: im Dorf der Solidarität, dort wo Menschen sich trafen, die wussten, fühlten und gelitten haben. In der Tradition der Befreiungsbewegungen, auch der Befreiungstheologie war ich da, waren wir da am richtigen Platz.
Du hast mich verstanden, als du mich fragtest, als Atheistin: „Wie kannst Du an Gott glauben?“ In vielen Gesprächen und auch Wanderungen hast Du mir geholfen das Gottesbild zu reinigen. "Du sollst dir kein Bild von Gott machen"... ja, so ziemlich alle Bilder sind falsch. Auch als Theologe bin ich dankbar, dass es Atheisten gibt - um das unendliche Gegenüber, um das Alpha und Omega wenigstens ein bisschen besser und gereinigter erahnen zu können.
Was bedeutet dir Kirche? Kirche sei "Volk Gottes, das um Befreiung kämpft" Wir haben uns angeschaut. "Betest du auch ?" Du hast mich fragend angeschaut. Ja, ich bete "Dein Reich komme“ So heißt es in einem überlieferten Originalgebet von Jesus, nämlich ein Reich der Gerechtigkeit, ein Reich des Friedens, ein Reich in der die Schöpfung respektiert wird. Eine heilsame wunderbare Freundschaft, im Engagement für und mit Humanismus konnten wir uns bestärken - trotz verzweifelter Momente. Du hast mir, du hast uns geholfen und vielen anderen, nicht aufzugeben.
Vor Jahren, bei unserem Einsatz als Friedensbeobachter in Israel/Palästina (in der Westbank in Tulkarem, meine Frau in South Hebron Hills in der Firing Zone) fanden wir bei Dir immer ein offenes Ohr. Allein schon bei euch daheim, am runden Tisch erzählen zu können, ein offenes Ohr zu finden, das war und ist Solidarität. Obwohl deine Familie die Verbrechen, das Grauen des Hitlerregimes kannte und erleiden musste, hattest du kein Verständnis, wenn Menschenrecht und Völkerrecht missachtet und mit Füßen getreten wurde und wird. Mehr noch, du warst und bist Humanistin in tiefster Dimension. Ein Satz bleibt mir in den Ohren: "Warum sollte es im Krieg erlaubt sein zu töten? Das versteh ich nicht, das will ich nicht verstehen
Ein paar Monate vor dem Tod war Daniela noch zu einem Vortrag in Innsbruck. Der Hörsaal war überfüllt. Ganz hinten, voll Erwartung, als Laie der Kunst, aber interessiert - voller Lebenskraft hast du das Sichtbare und Spuren des Unsichtbaren erörtert. Welche Lebenskraft! Wir durften dich beherbergen und noch lange reden. Danach, obwohl schon geschwächt, du hast den Weg geschafft. Wir gingen zum sg. Waldhüttl (die Vinzenzgemeinschaft ist meine derzeitige Arbeitsstätte), wir gingen an den Rand der Gesellschaft, dort wo 30 ArmutsmigrantInnen, Roma und Romnias aus der Slowakei in einer Notunterkunft untergebracht sind, dort wo es Gärten gibt, dort wo es Schafe, Esel und Federvieh gibt. Ein wunderschöner Ort... wo viel geweint wird, wo aber auch viel getanzt wird. Daselbst ist auch ein wichtiger Gedenkort des Widerstandes in Innsbruck. Dort organisierte sich der Widerstand, koordiniert von Heinz Mayer: Jude und Kommunist.
Eine deiner StudentInnen, Maria und Familie lebt dort als HausleiterIn - am Rande der Stadt, bei und mit Menschen, die an den Rand gedrängt wurden: Bettler, Musiker, ZeitungsverkäuferInnen... du hast dich für das Schicksal der Leute interessiert. Du warst präsent, du bist präsent.
Noch vor Augen: die Pieta mit dem toten Sohn. Deine Überlegungen dazu, die gemeinsamen Hinterfragungen von vielen biblischen, religiösen Bildern... noch am Krankenbett haben wir über Sinn von Leid gesprochen, wir hatten keine Antwort, wir haben ein Bild angeschaut, wo ein Mensch ein Kreuz trägt... mitten unterm Volk.
Du hast gesagt und geschrieben: der Tod und ein sinnerfülltes Leben hängen zusammen, in der Präsenz der Mitmenschen, in unserer Präsenz - vielleicht, in einer ewigen Präsenz - erfüllt von Dankbarkeit.
Ruhe in Frieden.

The Treasure of Memory
It is a special honor to be asked to make a few comments on behalf of a family. My name is Eduardo Tugendhat and I am Daniela’s nephew. I was asked by Ivo to speak on the Treasure of Memory which I will do but from a very personal perspective.
Not sure how many of you know that Daniela was born in Venezuela, as I was. Her parents and grandmother had fled the Nazis from Czechia with 2 little boys. How they ended up in Venezuela is not completely clear to me, but suffice it to say that like many refugees today, there were not many options available to fleeing Jews.
After the war, they returned to Europe—to Switzerland since they could not return to Czechoslovakia. Dani and sister Ruth both remember how difficult the transition was for them in school because they looked different and had a hard time with the Swiss German. My father was the only one to stay in Venezuela. He had been sent off to a high school in Boston where he met my American mother and they chose to live in Venezuela.
In an era with no Internet and limited communications, we grew up in a very different world from the rest of the family and could easily have lost contact. But a few family trips helped change that—a summer in St Gallen while my parents travelled in Europe, a trip to Venezuela by Dani and her mother and a family reunion in Brittany. These are the first memories of the family. Dani was my teenage aunt, 8 years older than me—but somehow we established a special connection during hours of badminton and traveling around, often laughing hysterically about the smallest things. I also remember not quite understanding how she and her mother could spend what seemed like hours discussing the art in each church that we visited.
When my father died tragically, very young from suicide after struggling with alcoholism and depression, I realized how little I knew about him or the family he came from. It seems that for him memories were painful. But I wanted to understand; but also wanted to belong. I was lucky enough that my work took me to eastern European and middle eastern countries which allowed me to stop off in Zurich to see Ruth and her family and in Vienna to see Dani and her growing family. Whenever I stopped by, even for just a day or two, it was amazing how it seemed like we had been in regular contact. We arranged an amazing vacation together in Venezuela. Then I got involved in early attempts to do something about the Vila Tugendhat in Brno and all of the dramas associated with the restoration process. She helped orchestrate a major family reunion in Brno where relatives, many of whom I never knew existed came from around the globe. Last fall, we all joined in an emotional “stumbling stones” ceremony in Brno where we paid respect to the enormous impact that the “winds of history” had on us as a family and individuals. This summer we had a last get together. For me, Daniela’s memory lives on in my continued wonderful connections with Ivo, Matthias and Lukas and their families and of course my Swiss family as well.
I tell this story, because by definition memory involves looking back. But I think the treasure of these particular memories is that by trying to better understand who we are and where we come from, whether painful or joyful, opens the door for a special emotional connection and hopefully the opportunity to benefit from what we learn.
Last fall I brought my daughter Sara to the stumbling stones ceremony and this year she is here again. She also wants to understand, to feel connected. I am so delighted that she has made a special connection with Lukas’s daughter Anouk despite having their challenges with language and geographic distance. Passing on the memory of shared experiences and emotions, and the feelings of connection, is being passed on to the next generation.
Schatz der Erinnerung
Es ist mir eine besondere Ehre, im Namen einer Familie einige Worte dazu sagen zu dürfen. Mein Name ist Eduardo Tugendhat und ich bin Danielas Neffe. Ivo bat mich, über den Schatz der Erinnerung zu sprechen. Dies werde ich tun, allerdings aus einer sehr persönlichen Perspektive.
Ich bin mir nicht sicher, wie viele von Ihnen wissen, dass Daniela wie ich in Venezuela geboren wurde. Ihre Eltern und ihre Großmutter waren mit zwei kleinen Jungen vor den Nazis aus Tschechien geflohen. Wie sie nach Venezuela gelangten, ist mir nicht ganz klar, aber es genügt zu sagen, dass es für fliehende Juden, wie für viele Flüchtlinge heute, nicht viele Möglichkeiten gab.
Nach dem Krieg kehrten sie nach Europa zurück – in die Schweiz, da sie nicht in die Tschechoslowakei zurückkehren konnten. Dani und ihre Schwester Ruth erinnern sich beide daran, wie schwierig die Umstellung in der Schule für sie war, weil sie anders aussahen und sich mit dem Schweizerdeutschen schwer taten. Mein Vater war der Einzige, der in Venezuela blieb. Er war auf eine High School in Boston geschickt worden, wo er meine amerikanische Mutter kennenlernte, und sie entschieden sich, in Venezuela zu leben.
In einer Zeit ohne Internet und mit eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten wuchsen wir in einer ganz anderen Welt als der Rest der Familie auf und hätten leicht den Kontakt verlieren können. Aber ein paar Familienausflüge änderten das – ein Sommer in St. Gallen, während meine Eltern durch Europa reisten, eine Reise von Dani und ihrer Mutter nach Venezuela und ein Familientreffen in der Bretagne. Dies sind die ersten Erinnerungen der Familie. Dani war meine Tante im Teenageralter, 8 Jahre älter als ich – aber irgendwie entwickelten wir eine besondere Verbindung während stundenlangem Badminton und Herumreisen, wobei wir oft hysterisch über die kleinsten Dinge lachten. Ich erinnere mich auch, dass ich nicht ganz verstand, wie sie und ihre Mutter scheinbar stundenlang über die Kunst in jeder Kirche, die wir besuchten, diskutieren konnten.
Als mein Vater nach einem Kampf mit Alkoholismus und Depressionen sehr jung durch Selbstmord starb, wurde mir klar, wie wenig ich über ihn oder seine Familie wusste. Es scheint, dass die Erinnerungen für ihn schmerzhaft waren. Aber ich wollte es verstehen; aber auch dazugehören. Ich hatte das Glück, beruflich in osteuropäische und nahöstliche Länder zu reisen. So konnte ich in Zürich Ruth und ihre Familie besuchen und in Wien Dani und ihre wachsende Familie. Wann immer ich vorbeischaute, selbst für ein oder zwei Tage, war es erstaunlich, wie regelmäßig wir in Kontakt zu stehen schienen. Wir organisierten gemeinsam einen fantastischen Urlaub in Venezuela. Dann beteiligte ich mich an den ersten Bemühungen, etwas gegen die Vila Tugendhat in Brünn und all die Dramen im Zusammenhang mit der Restaurierung zu unternehmen. Sie organisierte ein großes Familientreffen in Brünn, zu dem Verwandte aus aller Welt kamen, von denen ich viele gar nicht kannte. Letzten Herbst nahmen wir alle an einer emotionalen „Stolperstein“-Zeremonie in Brünn teil, bei der wir den enormen Einfluss der „Stürme der Geschichte“ auf uns als Familie und als Einzelne würdigten. Diesen Sommer hatten wir ein letztes Treffen. Für mich lebt Danielas Erinnerung in meinen weiterhin wunderbaren Verbindungen zu Ivo, Matthias und Lukas und ihren Familien und natürlich auch zu meiner Schweizer Familie weiter.
Ich erzähle diese Geschichte, weil Erinnerung per Definition Rückblick bedeutet. Aber ich denke, der Schatz dieser besonderen Erinnerungen liegt darin, dass der Versuch, besser zu verstehen, wer wir sind und woher wir kommen – ob schmerzhaft oder freudig – die Tür zu einer besonderen emotionalen Verbindung öffnet und hoffentlich die Möglichkeit bietet, von dem Gelernten zu profitieren.
Letzten Herbst habe ich meine Tochter Sara zur Stolpersteinzeremonie mitgenommen, und dieses Jahr ist sie wieder hier. Auch sie möchte verstehen und sich verbunden fühlen. Ich freue mich sehr, dass sie trotz der Sprachschwierigkeiten und der geografischen Distanz eine besondere Verbindung zu Lukas‘ Tochter Anouk aufgebaut hat. Die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse und Emotionen sowie das Gefühl der Verbundenheit wird an die nächste Generation weitergegeben.
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De Alto Cedro voy para Marcané |
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El cariño que te tengo
No te lo puedo negar
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Cuando Juanica y Chan Chan
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Limpia el camino de pajas
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De alto Cedro voy para Marcané |
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Von Alto Cedro gehe ich nach Marcané. Ich komme in Cueto an und gehe nach Mayarí |
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Die Zuneigung die ich für dich empfinde, Kann ich dir nicht leugnen, Wenn mir der Speichel rinnt, kann ich das nicht verhindern
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Als Junaica und meine kleine Chan Sand siebtem am Meer, wie sehr das Sieb zitterte der kleinen Chan bereitete das Mühe
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Räume die Strohstoppeln vom Weg Denn ich möchte mich hinsetzen Auf diesen Baumstamm, den ich sehe Und so komme ich nicht dorthin
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Von Alto Cedro gehe ich nach Marcané. Ich komme in Cueto an und gehe nach Mayarí |

Am 14. Oktober 2025 haben wir die Urne von Daniela bestattet. Das Urnengrab von Daniela Hammer-Tugendhat befindet sich im Urnenhain der Feuerhalle Simmering, Simmeringer Hauptstraße 337, 1110 Wien, westlich des Verwaltungsgebäudes, außerhalb der Mauer des Neugebäudes (1568-1575), Sektor E 3, Nr. 143, unter einem Japanischen Kirschenbaum.


Design der Parte: Angie Rattay, https://erdgespraeche.net
(aus der Presseaussendung www.ots.at vom 29.6.2024, Anne Kathrin
Feßler)
Am 28. Juni 2024 verlieh Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler im Namen des Bürgermeisters Michael Ludwig im
... Wappensaal des Wiener Rathauses der Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat ... das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien...
Musikalisch gestaltet wurde die Ehrung vom Art4Strings-Streichquartett, das Klassiker der Popmusik wie Neil Diamonds „I’m a believer“ und „Reach“ von S Club 7 interpretierte....
Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler hob in ihrem Dank an die Pionierin der Geschlechterforschung in der Disziplin der Kunstgeschichte hervor, Daniela Hammer-Tugendhats habe in der
Beforschung der männlich dominierten Konstruktion von Bildern, „an einer Neuordnung, ja an einem Neuen Sehen gearbeitet und dafür gesorgt, dass sich dieser stets kritische, stets
differenzierende und feministische Blick in der nächsten Generation wiederfindet. “ Kaup-Hasler dankte für das Engagement der Wissenschaftlerin, „sich klar gegen ein vereinfachtes
dichotomes Denken zu stellen, gegen schnelle Zuschreibungen und den Mangel an Zuhören. Denn das hat in unsere Zeit eine Dominanz bekommen, die demokratiegefährdend ist und unser
Zusammenleben gefährdet. Die Fähigkeit zum differenzierenden Denken wird durch Menschen wie Daniela Hammer-Tugendhat geschärft.“

Sehr geehrte Frau Kulturstadträtin, liebe Daniela Hammer-Tugendhat, liebe Familie
und Freund:innen der heute zu Ehrenden, sehr geehrte Festgäste!
Eine harmonische Farbgebung aus Blaugrün und Ockertönen. Dazwischen bunte, vor allem rote Farbtupfer. Ich erkenne eine weite hügelige Landschaft. Auf dem Bild herrscht ein volksfestartiges Treiben. Erst bei genauerem Hinschauen entdecke ich im Zentrum winzig klein das eigentliche Geschehen. Es zeigt einen unter einem Kreuz zusammengebrochenen Mann. Die Menschen schenken dem dramatischen Geschehen keinerlei Beachtung, zu allgegenwärtig scheint der Mord an Andersgläubigen zu sein, wie zahlreiche Galgenräder im Bild verdeutlichen. Trotz der sakralen Thematik handelt es sich um ein höchst politisches Bild, das eng mit den Ereignissen zu dessen Entstehungszeit zu tun hat, aber auch heute noch ausgesprochen aktuell erscheint. Gerade wenn ich mir anschaue, was im Moment an Gewalt und kriegerischen Konflikten auf der Welt in Zusammenhang mit polarisierendem Schwarzweißdenken und der Nichtakzeptanz von Vielfalt und Andersartigkeit geschieht.
Ein Nachdenken über die Bedeutung der Wissenschaftlerin, die heute geehrt wird, ist ohne ein Eintauchen in die Welt der Bilder, mit denen sie sich befasst, nicht möglich. Das 1564 entstandene Werk aus dem Kunsthistorischen Museum habe ich nicht zufällig gewählt. Denn gemalt hat es ein Künstler, der eng mit den Forschungen von Daniela Hammer-Tugendhat verbunden ist: Pieter Bruegel der Ältere. Bruegels „Kreuztragung“ ist außerdem das erste Kunstwerk, das ich durch die Augen der heute zu Ehrenden als Studentin vor über 35 Jahren sehen durfte. Dies hat meine Sicht auf die Kunst, auf die Kunstgeschichte, ja auf die Welt insgesamt radikal verändert und entscheidend geprägt. Und ich würde heute sicher nicht hier stehen, wäre ich nicht dieser außergewöhnlichen Wissenschaftlerin begegnet. Anhand der Analyse dieses Bruegel-Bildes habe ich von Daniela Hammer-Tugendhat Vieles gelernt. Vieles, was über die Kunstgeschichte weit hinausgeht. So wie mir ist es unzähligen anderen jungen Menschen ergangen. Von Daniela Hammer-Tugendhat habe ich vermittelt bekommen, dass die Produktion und Rezeption von Kunst zum Spannendsten und Sinnstiftendsten gehört, was das Leben zu bieten hat. Vor allem habe ich begriffen, dass Kunstgeschichte zutiefst mit allen Bereichen des menschlichen Daseins verbunden ist. Denn über ihre Bildanalysen wird die Welt in all ihrer Komplexität, in all ihrer Schönheit, in all ihrer Grausamkeit, in all ihrer Widersprüchlichkeit erfahrbar. Anhand von Cranachs „Lucretia“ , Tizians „Danae“, Tintorettos „Susanna und die Alten“, Rembrandts „Familienbildnis“, Segantinis „Bösen Müttern“, ,Bruegels „Die großen Fische fressen die Kleinen“, Hodlers Serie der sterbenden Valentine Godé-Darel oder Vermeers Frauenbildnissen verhandelt Daniela Hammer-Tugendhat zeitlose und zugleich äußerst aktuelle Themen: Sie schreibt über Sexualität, Geschlechterkonstruktionen, Gewalt an Frauen, Familienbeziehungen, ökonomische Ungleichheiten, Machtverhältnisse, Leben und Tod – vor allem auch über mediale Fragen wie das Verhältnis von Bild und sichtbarer Wirklichkeit, von Visuellem und Verbalem.
Daniela Hammer-Tugendhats Forschungen sind für die Gesellschaft so bedeutsam, weil sie in ihrem Ansatz „Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft“ vor Augen führt, dass Bilder die Wirklichkeit entscheidend mitkonstituieren, so wie umgekehrt Kunstwerke nie losgelöst von den ökomischen, sozialen, politischen, geschlechterspezifischen und sprachlichen Realitäten einer Gesellschaft gesehen werden können. Bei all der Verortung innerhalb geschichtlicher und gesellschaftspolitischer Zusammenhänge lässt sie die Kunst aber immer Kunst sein. Sie begegnet Kunst und Künstler:innen mit größtmöglicher Wertschätzung und aufmerksamer Zuwendung. Das zeigt sich auch darin, dass ihren Thesen detaillierte Bildbeschreibungen vorausgehen. Stets weist sie darauf hin, dass bildende Kunst Eigenschaften hat, die mit nichts anderem gleichzusetzen sind. Sie zeigt in ihren Forschungen auf, dass Kunst den Finger in Wunden legen kann. Dass sie Dinge visualisieren kann, die von der Gesellschaft verdrängt oder ausgeblendet werden. So schreibt sie: „Kunst kann Unsichtbares sichtbar machen. Sie hat aber auch das Vermögen, Dinge, Menschen, Vorstellungen oder Ideen in bestimmten Zusammenhängen unsichtbar werden zu lassen, sie aus dem Feld der Repräsentation und damit auch aus unserem Bewusstsein zu löschen.“ Wie sich an diesem Zitat aus ihrem letzten Hauptwerk spiegelt, formuliert Daniela Hammer-Tugendhat ihre Gedanken in einer präzisen und bescheidenen Sprache. Nie stellt sie sich selbst ins Zentrum ihrer Forschungen. Die Eitelkeit, die mitunter aus akademischen Texten spricht, fehlt in ihren Arbeiten gänzlich. Zugleich versteckt sie sich nie hinter einer scheinbaren wissenschaftlichen Objektivität, sondern macht stets transparent, dass Wissenschaft immer auch mit Haltung, mit Werten, mit Menschen und deren jeweils spezifischer Sicht auf die Wirklichkeit zu tun hat.
Völlig zurecht wird Daniela Hammer-Tugendhat sowohl von Wissenschaftler:innen als auch von Künstler:innen als Pionierin der feministischen Kunstwissenschaft gefeiert wie ein Popstar. Ihre Vorlesungen auf You Tube erreichen ein enorm breites Publikum, begeistern Menschen, die sich normal keineswegs für Kunstgeschichte interessieren.
Wien zeichnet heute eine Ikone der Kunstgeschichte aus und ich kann mir keine andere vorstellen, die dieses Goldene Ehrenzeichen mehr verdient hat als sie. Daniela Hammer-Tugendhat, die 1946 in Venezuela geboren worden ist, wohin ihre jüdische Familie vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, ist 1968 aus der Schweiz nach Wien zum Studium der Kunstgeschichte bei Otto Pächt gekommen. Und zum großen Glück dieser Stadt lebt und wirkt sie hier bis heute. Denn Daniela Hammer-Tugendhat hat das intellektuelle Leben Wiens, ja des Kulturlandes Österreich als scharfe Denkerin, kritische Zeitgenossin und herausragende Kunsthistorikerin nachhaltig bereichert. Mit ihren Forschungen und Publikationen – angefangen von der Dissertation über „Hieronymus Bosch“ über die Habilitations-„Studien zur Geschichte der Geschlechterbeziehung in der Kunst“ bis zu ihrem 2009 erschienen Hauptwerk „Das Sichtbare und das Unsichtbare“. Auch durch zahlreiche Symposien und Vorträge, vor allem aber durch die jahrzehntelange Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst, später auch an der Universität Wien und anderen renommierten, internationalen Universitäten. Aus ihrer Schule sind bedeutende Wissenschaftlerinnen hervorgegangen, einige sind heute auch hier. Viele Künstler:innen haben Werke geschaffen, die direkt oder indirekt von Daniela Hammer-Tugendhats Lehre und Forschung beeinflusst sind. Das Aufzählen ihrer akademischen Meriten reicht bei weitem nicht aus, um das zu charakterisieren, was Daniela Hammer-Tugendhat zu der herausragenden Persönlichkeit macht, als die sie von so vielen geschätzt und bewundert wird.
Daniela, dieses Ehrenzeichen gebührt dir mehr, als ich es heute auch nur annähernd in Worte fassen kann. Weil bei dir deine Leistungen als innovative Kunsthistorikerin, als glasklar formulierende Autorin, als das Publikum fesselnde Vortragende, als leidenschaftliche Lehrende, als stets politisch engagierte, kritische Zeitgenossin, als liebevolle Ehefrau, Mutter und Großmutter, als wertschätzende Freundin eine untrennbare Einheit eingehen. Substanziell zu dir gehören Mut und eine klare, politische Haltung. Das brauchen wir gegenwärtig – nach der EU-Wahl und dem weltweiten, zunehmenden Rechtsruck – mehr denn je. Mehr als einmal habe ich dich erlebt, wie du in heiklen Situationen unmissverständlich Stellung bezogen und in diversen beruflichen Zusammenhängen harte Kämpfe ausgefochten hast, auch wenn sie dir persönlich geschadet haben, weil du kompromisslos immer für das eingestanden bist, was dir wichtig ist und was du im Leben für notwendig erachtest. Gerade die Kunst ist für dich stets Beispiel gewesen, um Ambiguitätstoleranz zu schulen. Etwas, das gerade in Zeiten, in denen ein polarisierendes Schwarz-Weiß-Denken in Politik, Gesellschaft und Sozialen Medien wieder rasant zugenommen hat, besonders wertvoll erscheint. Charakteristisch an dir ist deine Dialogfähigkeit und das stets offene, kritische Gespräch, das du mit deinem Gegenüber suchst. Dazu gehört auch, dass du selbst in höchstem Maße kritikfähig bist. Wir haben in den letzten Jahren viel zusammengearbeitet, du hast etwa Texte zu unseren Ausstellungen „Family Matters“ oder „Arm und Reich“ geschrieben. Dabei habe ich erlebt, wie tief du dich auf alles, womit du dich befasst, einlässt; dies betrifft die Kunst, aber auch die Menschen, mit denen du kooperierst. Nie habe ich sonst erlebt, dass ein Mensch, der auf seinem Gebiet so eine Legende ist wie du, so offen für Kritik an seinen Ausführungen ist. Umkehrt forderst du dein Gegenüber in höchstem Maße heraus, indem du beispielsweise selbst kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung kritisch hinterfragst, warum ich ein bestimmtes Kunstwerk, das dich nicht überzeugt, ausgewählt habe. Die Größe deiner Persönlichkeit spiegelt sich darin, dass sich deine anfängliche Skepsis mitunter in Begeisterung wandeln kann, wenn dir die Argumentationen deiner Gesprächspartnerin überzeugend genug erscheinen.
Daniela, Du zeigst allen, die privat oder beruflich mit dir zu tun haben seit Jahrzehnten eindrucksvoll auf, was es heißt, dem Leben in größtmöglicher Intensität und Aufrichtigkeit zu begegnen. Selbst wenn das heißt, sich vollen Bewusstseins der eigenen Endlichkeit zu stellen. So hast du in dem Gespräch, das wir letztes Jahr für den Katalog unserer aktuellen Ausstellung „Sterblich sein“ geführt haben, den eindrucksvollen Satz formuliert: „Das Schlimmste ist nicht zu sterben, sondern nicht
gelebt zu haben.“
Daniela, du wirst heute zu Recht ausgezeichnet, weil du im Leben wie in der Wissenschaft stets Entscheidungen getroffen hast. Und weil du sie nach Kriterien triffst, die du selbst definierst und nicht nach solchen, die die leistungsorientierte, neoliberale Gesellschaft einem aufzwingt. Noch heute erinnere ich mich, wenn ich selbst vor einer Entscheidung stehe, wie du in den 1990er Jahren den Ruf nach Frankfurt auf eine höchst angesehene C4-Professur nicht angenommen hast und in Wien geblieben bist. Auf einer Stelle, die weit unter dem lag, was dir gebührt hätte. Eine Unvorstellbarkeit für männliche Wissenschaftler deiner Generation, aber eine der größten Glücksfälle für diese Stadt.
Auch privat hast du kluge Entscheidungen getroffen, indem du uns allen vorlebst, wie man mit einem Menschen, mit Ivo, ein Leben lang glücklich sein kann. Du warst und bist gerade für viele Frauen ein Vorbild, weil du uns in einer Zeit, als dies noch viel schwieriger als heute war, vor Augen geführt hast, dass es möglich ist, Wissenschaft und Familie zu vereinen, indem du deine wunderbare Söhne Lukas und Matthias bekommen und mit Ivo gemeinsam liebevoll aufgezogen hast. Zugleich hast du die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht schöngeredet, sondern hast uns als junge Frauen damals an deinem Kampf teilhaben lassen. Trotz all der Leidenschaft, mit der du deiner Arbeit nachgehst, bist du anderen Menschen immer eine Unterstützung gewesen, dazu gehört die wertschätzende Pflege von Freundschaften. Es ist ein Geschenk, dich als Kooperationspartnerin, als Lehrende, als Freundin – und wie ich von deiner Familie mitbekomme, als Frau, als Mutter und als begeisterte Großmutter – zu haben. Ich danke dir im Namen der anwesenden Festgäste für das, was du für jede und jeden Einzelnen bist. Ich danke dir für all das, was du für die Kunstgeschichte, die Kulturwissenschaft, für die Kunstszene, für die Stadt Wien, das Land Österreich und weit darüber hinaus geleistet hast. Und ich gratuliere dir von Herzen zu dieser Ehrung.
Wien, 28. Juni 2024, © Johanna Schwanberg
Sehr geehrte Frau Stadträtin, liebe Gäste,
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich über diese Ehrung der Stadt Wien freue. Und Johanna Schwanbergs Laudatio macht mich geradezu sprachlos. Ich bedanke mich von ganzem Herzen.
Ich empfinde diese Ehrung auch als Anerkennung einer alternativen Kunstgeschichte, für die ich mich Jahre und Jahrzehnte eingesetzt habe: Eine Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft, die die Kunst immer im gesellschaftlichen Kontext sieht, aber nicht als Widerspiegelung, sondern als aktive Beteiligung an der Wahrnehmung und zugleich Bildung unserer Wirklichkeit.
Die Bedeutung von Kunst – von bildender Kunst, Film, Literatur und anderen Künsten – liegt in der Komplexität der Erfahrung, in der Möglichkeit, unendlich komplizierte Verhältnisse in menschlichen Beziehungen, aber auch in gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in ihrer Ambiguität, mit allen oft nicht auflösbaren Widersprüchen darzustellen und erfahrbar werden zu lassen.
Mein Anliegen in der Lehre war es, Wege zu finden, die Studierenden in die Lage zu versetzten über die intensive Beschäftigung mit Kunst und visuellen Medien ein vertieftes Welt- und Selbst-Verständnis zu finden; geleitet von der Erkenntnis, dass eingehende Werkbetrachtung nicht genügt, sondern dass Kunst nur innerhalb der Bildtradition und im diskursiven und historischen Kontext zu verstehen ist.
Ich bin davon überzeugt, dass die Bedeutung dieses Blicks und dieser Haltung weit über die Betrachtung und Analyse von Kunst hinaus geht, gerade in einer Zeit in der sich auch bei uns der politische Diskurs immer weiter radikalisiert, wo sich immer öfter zwei Seiten unversöhnlich gegenüberstehen Je komplexer die Konflikte, desto einfacher sollen die Lösungen sein, desto lauter die Rufe sich für eine Seite zu entscheiden und die andere zu verdammen. Als Jüdin bin ich bezüglich der Katastrophe, die sich jetzt in Israel und Gaza abspielt, besonders sensibilisiert. Diese Tragödie ist in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit nur annähernd zu verstehen und zu bewerten, wenn man weit in die Geschichte zurückgeht und alle beteiligten Seiten in ihrem jeweiligen Kontext zu begreifen sucht.
Ich bin dankbar in einem Land leben zu dürfen, in dem – zumindest derzeit – kein Krieg herrscht, in einer der lebenswertesten Städte der Welt. Das ist für mich als Tochter von Flüchtlingen keine Selbstverständlichkeit.
Ich möchte nicht enden ohne mich bei den vielen Kolleginnen und Kollegen zu bedanken, die an der Entwicklung der Genderforschung und der Kulturwissenschaften beteiligt waren und ohne die ich hier nicht stehen würde. Ich kann sie nicht alle namentlich anführen, aber ich möchte mich doch bei einem Menschen besonders bedanken, der mich immer unterstützt und motiviert hat, alle meine Texte kritisch redigiert hat, und mich in unendlich vielen Museumsbesuchen und Gesprächen mit seinem besonderen Zugang zur Materialität der Kunst und seiner außergewöhnlichen Expertise zu alternativen Sichtweisen angeregt hat: bei meinem Mann, Ivo Hammer.


The New European Bauhaus: beauty, sustainability and cultural heritage through the prism of Villa Tugendhat (Das Neue Europäische Bauhaus: Schönheit, Nachhaltigkeit und Kulturelles Erbe im Prisma des Hauses Tugendhat)
Hochrangiges Treffen am 21 November 2022 from 14:30-18:00 in Brünn, Tschechische Republik. Haus Tugendhat










Brno, Haus Tugendhat. 21. November 2022
Das Neue Europäische Bauhaus: Schönheit, Nachhaltigkeit and Kulturelles Erbe im Prisma des Hauses Tugendhat
Hochrangige Diskussionsrunde mit Martina Dlabajová (Mitglied des Europäischen Parlaments), Mariya Gabriel (Europäische Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung and Jugend), Ivo Hammer (Konservator-Restaurator, Kunsthistoriker und Professor em. an der HAWK Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst), Vlastislav Ouroda (Vize-Minister für Kultur der Tschechischen Republik), Moderation: Martin Selmayr (EU Botschafter in Österreich), Grußworte: Monika Ladmanová (EU Botschafterin in der Tschechischen Republik) und Martin Selmayr
Statement Ivo Hammer:
Meine Damen und Herren
Ich bedanke mich für die Einladung zu diesem event und bei Martin Selmayr für die freundliche Einführung.
Mein kurzes statement geht von der Frage aus:
Was können wir von der Denkmalpflege allgemein und vom Haus Tugendhat im Besonderen lernen
Was können wir lernen:
und was können wir lernen
Zunächst einige Bemerkungen zur Materialität des Hauses Tugendhat:
Die Schönheit des Hauses Tugendhat basiert nicht nur auf dem 1930 neuartigen design. Seine Schönheit basiert auch auf seiner Materialität: auf der Verwendung edler Materialien wie Onyxmarmor, Travertin, Tropenhölzer, Seide, Pergament und poliertem Chrom und Nickel, und der auf der handwerklich äußerst präzisen Bearbeitung aller traditionellen Oberflächen, des geschliffenen stucco lustro der Innenwände, der sorgfältigen material-farbenen Lackierung der Metall- und Holzteile. Buntfarben brachte das Leben, brachten einzelne Möbel, Blumen.
Viele Elemente, wie die Wände de Innenräume und der Fassade sind in außergewöhnlich sorgfältiger, aber dennoch traditioneller Handwerkstechnik ausgeführt. Man kann sie entsprechend ohne großen Aufwand pflegen und reparieren, ohne dass sie ästhetisch oder physikalisch unvorteilhaft verändert werden. Schmutzflecken auf den Innenwänden z. B. hat man während der kurzen Zeit, in der die Familie Tugendhat ihr Haus bewohnen konnte, durch Radieren mit Brot entfernt, es war kein Anstrich notwendig.
Die Innenwände sind nicht nur schön, sie durch ihre hydrophile Porosität, die durchlässig ist für Wasser in flüssiger Form, auch für das Raumklima angenehm, weil keine Kondensfeuchtigkeit an der Oberfläche entstehen kann, und damit auch keine Mikroorganismen. (Allergien!)
Die aus Ziegeln bestehenden Außenmauern sind traditionell mit geriebenem Kalkputz beschichtet und mit Kalktünche gestrichen. Anders als der Zement, der 8% zur weltweiten CO2-Emission beiträgt, ist der Kalk weitgehend CO2 neutral. Man hat die Fassade des Hauses T. mehrfach mit Kalktünchen gepflegt, auch während der Zeit der Nutzung als Tanzschule und als Kinderspital von 1945-1980. Erst nach 1985, als man die Fassade mit einer modernen, Kunstharz als Bindemittel enthaltenden Farbe beschichtetet, traten erheblichen Schäden auf. 2011 haben wir die traditionelle Form der periodischen Pflege mit einer Kalktünche wieder eingeführt.
Bemerkungen zur aktuellen Situation der Bauwirtschaft hinsichtlich Materialien und Technologie.
Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erleben wir radikale, dramatische Veränderungen.
Altbauten:
Die historische Tradition der periodischen Pflege und Reparatur wurde (wie in anderen Bereichen auch) verlassen. Die mangelnde Pflege und Reparatur führen zu schnellem Verschleiß, und entsprechender Verschwendung von Ressourcen und Energie.
Der Gebrauch historisch bewährter Materialien wurde aufgegeben zu Gunsten von Materialien, die mit dem historischen Bestand physikalisch-chemisch und auch ästhetisch nicht kompatibel sind und zu schweren Schäden an den Altbauten führen. Nicht hydrophile, also für Wasser in flüssiger Form durchlässige Anstriche führen zu beschleunigter Verwitterung (um den Faktor 1000 reduzierte Trockungsgeschwindigkeit!) und zerstören längerfristig die historische Oberfläche. Wärmedämmungen, sehr häufig brandgefährlich (Grenfell-Tower in London), sind nach 40 Jahren versicherungstechnisch obsolet, technologisch oft in noch viel kürzere Zeit. Fenster und Türen aus Plastic sind nicht reparierbar.
Neubauten:
Die Neubauten basieren auf kurzfristiger ökonomischer Kalkulation und beschleunigter Obsoleszenz und entsprechender Verschleuderung von Ressourcen und Energie. Wir leben in Betonbauten und Gipskarton-Wänden und Plastic-Anstrichen. Die nicht hydrophilen Oberflächen (von überdies meist kleinen und niedrigen Wohnräumen) führen zum Wachstum von Mikroorganismen, begünstigen Allergien und machen häufige Schocklüftung notwendig.
Meine These zum Umgang mit Altbauten
Man kann Denkmalpflege kann als paradigmatische Form einer nachhaltigen, ökologisch sinnvollen und ästhetisch schönen Form des Umgangs mit historischer Architektur sehen,
z.B. hinsichtlich folgender Kategorien:
Meine These zu den Neubauten:
Die Umweltpolitik der Denkmalpflege ist auch für den Neubau relevant.
Die Baudenkmale repräsentieren Ansätze zur Lösung von technischen, ästhetischen und anderen kulturellen und sozialen (z. B. auch urbanistischen) Problemen. In den Denkmalen sind die Erfahrungen von rund 15000 Jahren (Göbekli Tepe) gespeichert, die mit ihrer bloßen Existenz ihre technologische Tauglichkeit und ihre kulturelle Eignung bewiesen haben. Warum sollten wir diese Quellen der Erkenntnis nicht nutzen?
Einige Forderungen zu einer nachhaltigen Bauwirtschaft
Die Projekte, die im Rahmen des NEB Preise gewonnen haben, sind inspirierend, ober oft Einzelaktionen. Sie sollten mainstream werden.
Für eine nachhaltige und ökologisch sinnvolle Bauwirtschaft brauchen wir